Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Beitrag im Neuen Deutschland zur Schwangeren-, Mütter- und Kinderbetreuung in der DDR

29.02.2008
Edith Ockel

Schwangeren-, Mütter- und Kinderbetreuung in der DDR – Erfahrungen, an die anzuknüpfen sich lohnt Von Dr. Edith Ockel
Das Gesundheits- und Sozialwesen der DDR erfährt in der Erinnerung ehemaliger DDR-Bürger zunehmende Beachtung, keineswegs zufällig. Und daran können auch die unsachgemäßen Äußerungen von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer über die Ursachen von Kindstötungen nichts ändern.
Der Beginn der 70er Jahre wird oft als frauenpolitische Wende in der DDR charakterisiert. Frauen hatten seit 1972 ein uneingeschränktes Recht, über Anzahl und Zeitpunkt von Geburten selbst zu entscheiden. Dies ist ein wichtiger Gradmesser für die Freiheit der Frau. Die Kostenfreiheit der Empfängnisverhütungsmittel war eine wesentliche Voraussetzung für eine sinnvolle Familienplanung und hatte Priorität vor einem für die Frau ebenfalls kostenlosen Schwangerschaftsabbruch.
Frau als Subjekt und nicht Objekt
Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen in der DDR war keineswegs nur ein »formales«, wie manche heute meinen. Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben der Frauen war und ist ihr Recht auf Bildung und Arbeit. Aber erst mit der Entscheidungsfreiheit über Schwangerschaft und Geburt ist ihre Emanzipation vom Gesetzgeber anerkannt. Wenn auch eine praktische Gleichstellung der Geschlechter auch in der DDR, trotz vieler Fortschritte, in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nur schwer zu realisieren war, so bleibt doch Fakt: Frauen in der DDR waren seit den 70er Jahren mehr Subjekt als Objekt ihrer persönlichen Lebensgestaltung, insbesondere in Bezug auf Geburtenregelung. Es waren dann auch Frauen der DDR, die mit großer Unterstützung von Millionen Frauen und auch Männern im Westen Anfang der 90er Jahre für die Erhaltung ihres Selbstbestimmungsrechtes, wann sie ein Kind gebären wollen, kämpften. Selbst die deutsche Ärzteschaft hat auf ihrem Ärztetag im Mai 1991 erstmals in der deutschen Geschichte ihr eindeutiges Votum für das eigenverantwortliche Entscheidungsrecht der Frauen über die Austragung einer Schwangerschaft abgegeben. Ich war 1990 von der Regierung de Maizière in den Ost-West-paritätisch zusammengesetzten Ausschuss der Bundesärztekammer der Bundesrepublik zur Vorbereitung eines Standpunktmaterials für den Ärztetag in Hamburg delegiert worden. Ein halbes Jahr haben wir, fünf Ärztinnen und Ärzte aus dem Osten, uns mit konservativen, teils mystisch anmutenden »Argumenten« radikaler Paragraf-218-Anhänger auseinandersetzen müssen. Ähnliches erlebte ich als Delegierte des Frauenpolitischen Runden Tischs in einer Anhörung im Bundestag. Ich fühlte mich angesichts der frauenfeindlichen Äußerungen von der CDU/CSU-Riege ins Mittelalter versetzt. Das Bundesverfassungsgericht hat schließlich auf Antrag der CDU/CSU über die Köpfe der überwiegenden Mehrheit von Frauen und Männern und der deutschen Ärzteschaft hinweg allen Frauen Deutschlands – insbesondere freilich den Frauen der neuen Bundesländer, die seit über 40 Jahren vom Paragrafen 218 befreit waren – völlig undemokratisch, aber »im Namen des Volkes« eine frauenfeindliche Gesetzgebung übergestülpt. Die Chance, einen klaren und bekennenden Schlussstrich unter ein bedrückendes Kapitel jahrhundertlanger Diskriminierung aller deutscher Frauen zu ziehen, war durch eine kleine Gruppe konservativer Politiker vergeben worden. Damit wurden von einem Tag zum anderen auch alle in der DDR festgelegten Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Risikoschwangerschaften und Gesundheitsgefährdungen Neugeborener liquidiert und ebenso die meisten Schwangerenbetreuungsstellen abgewickelt. Jetzt ist es in der Praxis so, dass nicht die Schwangere selbst, sondern die »sinnvolle Verwendung der Mittel« von Krankenkassen als Maßstab für Ansprüche gilt. Es bleibt im Ermessen der Frau und – falls sie einen niedergelassenen Arzt aufsucht – in dessen Ermessen, welche Untersuchungen durchgeführt werden und ob oder in welchem Umfang sie über gesundheitliche Gefahren für sich und ihr Kind beraten wird. Auch erhielten junge Frauen und junge Ehen in der DDR nicht unwesentliche staatliche Hilfe. Mit den Verordnungen 1972 und 1977 »zur Erhöhung der staatlichen Geburtenbeihilfe« auf 1000 Mark der DDR für jedes Kind und über »die Gewährung von Krediten zu vergünstigten Bedingungen an junge Eheleute« von 5000 Mark, die zinslos waren und bei Geburt von Kindern mit Abzügen und beim dritten Kind gar nicht zurück zu zahlen waren, sind Eheschließungen und Geburten maßgeblich gefördert worden. Das erklärt auch, dass bis zum Ende der 80er Jahre 92 Prozent aller Frauen in der DDR bei abgeschlossener Familienplanung (Ende der fertilen Phase) mindestens ein Kind geboren hatten. Die Mehrzahl der Geburten fand im biologisch günstigsten Lebensalter, zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr der Frauen, statt. Der Kinderwunsch der Familien stimmte mit der realen Kinderzahl weitgehend überein, im Gegensatz zu heute. Die Soziologin Ursula Schröter schrieb: »DDR-Mütter hatten eine leichtere Aufgabe und für die leichtere Aufgabe auch noch bessere Bedingungen.« Sich auf eine Allbus-Befragung stützend, stellte sie fest, dass 75 Prozent der Ostfrauen noch im Jahre 2000 der Meinung waren (und sie sind es sicher auch heute noch), dass es für ein Kind sogar gut ist, wenn die Mutter nicht nur Hausfrau sei. Bei den Westfrauen sind dieser Ansicht nur 52 Prozent, was immerhin beachtlich im Vergleich zur Meinung der Westmänner ist, die dies nur zu einem Drittel bestätigen. Ostmänner bejahen die Einstellung der Ostfrauen zu 68 Prozent (»Kindheit der DDR«, 2003).
Früherkennung von Problemen
Es ist heute Mode, selbst die Kinderbetreuung in der DDR zu diskreditieren. Betrachten wir also diese einmal näher. »Es war ein weiter Weg von den Anfängen gesellschaftlicher Betreuung der Kleinsten als Notbehelf einer Nachkriegszeit bis zu der anerkannten, von den Familien nicht mehr wegzudenkenden Institution Krippe«, konstatiert die Wissenschaftlerin Gerda Niebsch (»Spuren der Wahrheit«, 2005). In den 70er Jahren hat sich der Betreuungsgrad der Krippenkinder von 29 auf 61 Prozent mehr als verdoppelt (1989 über 80 Prozent). Im gleichen Zeitraum stieg der Betreuungsgrad der Kindergartenkinder von 65 auf 92 Prozent an (1989 über 95 Prozent). Drei Viertel aller Schulkinder erster bis vierter Klassen besuchten Schulhorte (1989 über 81 Prozent). In den 70er Jahren wurde das eigenständige Berufsbild Krippenerzieherin (1972) geschaffen, und mit der »Verordnung über Kindereinrichtungen der Vorschulerziehung« (1976) sind die Aufgaben der Erzieherinnen, ihre Zusammenarbeit mit den Eltern und aus präventiver Sicht die Aufgaben der medizinischen Betreuung der Kinder bis zum Schuleintritt geregelt worden. Für alle Kinder und Jugendlichen galt von der Geburt bis zur Berufsausbildung ein einheitliches gesundheitliches Untersuchungsprogramm. Die zur Früherkennung von Entwicklungsstörungen und gesundheitlichen Auffälligkeiten der Kinder erforderlichen kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen und ihre kontinuierliche gesundheitliche Überwachung waren gegen Ende der 70er Jahre in Übereinstimmung mit den Eltern problemlos zu sichern, da fast zwei Drittel aller Kinder unter drei Jahren und über 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen in Vorschuleinrichtungen betreut wurden. Die ambulant tätigen Kinderärzte (Fachärzte für Kinderheilkunde) der DDR wandten sich seit den 70er Jahren zunehmend der präventiven Betreuung ihrer kleinen Patienten auch in ihren gesunden Tagen in den Mütterberatungen und den Kinderkrippen zu. Diese Aufgaben waren Bestandteil des Arbeitsvertrages der Kinderärzte. Der Umfang dieser Tätigkeit ergab sich aus der Anzahl der etwa 200 000 Kinder in fast 10 000 Mütterberatungsstellen und den über 350 000 Krippenkindern bis einschließlich drittem Lebensjahr in ihren 7750 Kindereinrichtungen.
Schon 1973 waren die Aufgaben des Krippenarztes durch die »Ordnung für die Arbeit der Ärzte in Krippen und Heimen« vorgegeben. Der Kinderarzt hatte die Kinder nicht nur prophylaktisch zu untersuchen und eine eventuell erforderliche Behandlung und Nachbetreuung zu veranlassen, sondern auch den Impfschutz abzusichern. Desweiteren gehörte zu seinen Aufgaben – ob in der Mütterberatungsstelle oder in Kinderkrippe und Kindergarten – die Überwachung der Ernährung und Hygiene sowie die Beratung der Erzieherinnen und Eltern. Ein Zeichen dafür, dass die Kinderärzte diese Arbeit auch gern taten, war ihr besonders in den 80er Jahren bekundetes Interesse, Hausarzt der Kinder in »gesunden und kranken Tagen« zu sein. Derzeit fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte der Bundesrepublik, unterstützt durch den 110. Deutschen Ärztetag im Mai 2007, eine Reform für die Erweiterung und Verbindlichkeit der Vorsorgeuntersuchungen aller Kinder – wobei »der Kinder- und Jugendarzt der Hausarzt der Kinder« zu sein hat. Der Ärztetag wünschte sich »eine Kooperation zum Wohl der Kinder«: integrierte familienmedizinische Betreuung durch den Hausarzt, ergänzt durch aufsuchende Familienfürsorge einer »medizinischen Fachangestellten« (in der DDR war das die Fürsorgerin). Ein »System verbindlicher Früherkennungsuntersuchungen« sei zu entwickeln. Die Bundesregierung ist zu einem gesetzlich festzulegenden Meldewesen sowie zur Erarbeitung eines Konzepts »aufsuchender Gesundheitsfürsorge« aufgefordert.
Alarmierend ist die »neue Morbidität«
Die Ärzte sind aufgerufen, auf die »neue Morbidität« zu reagieren, womit die Zunahme von sozial-emotionalen und geistig-kognitiven Störungen bezeichnet wird, an denen über 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 17 Jahren leiden. Nicht nur Kinder- und Jugendärzte, auch Kinderpsychiater verlangen vehement eine intensive Zusammenarbeit von Kinderärzten, dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und der Jugendhilfe. Eine solche interdisziplinäre Kooperation funktioniert bereits gut in den fast 132 Sozialpädiatrischen Zentren für etwa 250 000 Kinder und Jugendliche mit schweren Entwicklungsstörungen, körperlichen und/oder geistigen Behinderungen. Aber Hunderttausende, die ihrer auch bedürften, bleiben ohne kontinuierliche Betreuung. Die bisher größte deutsche Kinder- und Jugendgesundheitsstudie im Auftrag der Bundesregierung, die im Mai 2007 vom Robert-Koch-Institut in Berlin präsentiert worden ist, zeichnet ein ernüchterndes Bild. Sie macht eine Verschiebung von bisher vorrangig körperlichen Erkrankungen zu mehr psychischen Störungen aus. Etwa 11 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen zeigen Verhaltensstörungen oder emotionale Probleme. Dazu zählen Depressionen, Hyperaktivität, Angststörungen (Phobien) und auch betont therapiebedürftiges unsoziales Verhalten. Auch Asthma und Allergien nehmen weiter zu. Entwicklungsstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht und Zahnerkrankungen wurden als Folge von Kinderarmut in sozial schwachen Familien und Migranten-Haushalten nachgewiesen. Die Studie macht deutlich, wie sehr die sozialen Verhältnisse Gesundheit und Krankheit beeinflussen. Andererseits können nach einstimmiger Erkenntnis von Ärzten und Wissenschaftlern auch Kinder, die unter ungünstigen sozialen Bedingungen leben, eine Chance haben, gesund aufzuwachsen – wenn für einen geregelten Tagesablauf in den Familien, Kindereinrichtungen und Schulen gesorgt wird. Dieser Schlussfolgerung müssten aber konkrete Maßnahmen folgen. Ich freue mich, dass Ministerin Ursula von der Leyen endlich die 40-jährige Vernachlässigung der Kinderbetreuung in den alten Bundesländern beenden will. Damit wäre auch jenen jungen Frauen geholfen, die von Böhmer an den Pranger gestellt wurden. Ein altes Sprichwort besagt: »Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.« Und auf diesem Weg wären bewährte Methoden aus der DDR zu nutzen.

Obermedizinalrätin Edith Ockel, Autorin des Buches »Die unendliche Geschichte des Paragraphen 218«