Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

Rede von Luise Neuhaus-Wartenberg, fds-Bundessprecherin

27.01.2015

Heute vor 70 Jahren wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit.

"Seit fast 20 Jahren gedenken wir an diesem Tag der Opfer nationalsozialistischer Verbrechen. 70 Jahre – das klingt nach einer langen Zeit. Doch tatsächlich ist es kein Menschenleben her, dass Millionen Menschen mit Hilfe unmenschlicher Logistik und industriell organisiert ermordet wurden.

Das WAR, IST und BLEIBT ein einzigartiges Verbrechen, das auch heute noch jegliche Vorstellungskraft übersteigt. Die Erinnerung daran darf niemals enden.

Und enden soll auch nie unser Bemühen zu verstehen, was damals passiert ist. Wie konnte es geschehen, dass Teile der Bevölkerung nur aufgrund dessen wie sie lebten, liebten, aussahen oder wo sie herkamen, verfemt, verfolgt, ausgeraubt und schließlich ermordet wurden, ohne dass sich in der Mehrheitsgesellschaft wirklicher Widerstand geregt hätte?

Stattdessen konnten die Nazis scheinbar auf einen fest verankerten und weit verbreiteten Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung bauen.

Diesen Antisemitismus – wann und wo immer er sich äußert - gilt es auch heute zu bekämpfen.

Die Geschichte immer wieder zu erzählen, zu erinnern, aufzuklären, bleibt eine Aufgabe für uns alle.

Oder, um den Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno zu zitieren: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“[1]

So, wie es gerade in diesen Tagen und Wochen aussieht, ist noch viel an Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn wieder greift ein Denken um sich, was dann auch ein Rufen und Schreien nach sich zieht, das sich als Ziel des Protestes eine Minderheit ausgesucht hat, die stigmatisiert und diskriminiert wird und als Sündenbock herhalten soll. Flüchtlinge, die den Kriegen dieser Welt entkommen sind, werden mit Verdächtigungen überzogen und bedroht. Dabei treten neben Inhumanität auch ein vorurteilsbewehrtes Nichtwissen und Geschichtsvergessenheit zutage.

Ich rede hier noch nicht von den Demos der „...GIDAs“. Ich erinnere an die Fackelzüge im Herbst 2013, als Menschen in sächsischen Städten gegen Flüchtlingsunterkünfte protestierten. Diese Leute hatten nichts dagegen, hinter ausgewiesenen NPD-Kadern herzulaufen. Und sie fanden nichts dabei, an einem Tag, da sich die Reichspogromnacht zum 75. Male jährte, auf ihre Schilder zum Beispiel „Schneeberg wehrt sich“ zu schreiben.

Das nenne ich geschichtsvergessen!

Und auch wenn die verschiedenen GIDAs seit Wochen in ihren Positionspapieren Kreide gefressen haben, so bleiben sie doch fremdenfeindliche Veranstaltungen, die rechte, vormoderne Diskurse, bedienen. Alles Reden - gerade von Seiten einer sächsischen Staatsregierung - vom kriminellen Ausländer, der sich nicht integrieren und unser Sozialsystem ausnutzen will, diskriminiert Menschen und bedient eben diese fremdenfeindlichen Vorurteile.

Wir müssen uns der Tatsache bewusst sein, dass diese Vorurteile nicht erst im letzten Jahr entstanden sind. Und da muss sich auch die offizielle Politik an die eigene Nase fassen, gerade in Sachsen. Sie spielte und spielt oft eine ungute Rolle, wenn es darum geht, hart am rechtspopulistischen Wind zu segeln. Wer Unterschriften gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft sammelt oder eine Leitkultur herbei redet, befeuert eben auch eine derartige Stimmung. Wer jetzt noch öffentlich Gesetze zur schnelleren Abschiebung straffällig gewordener Ausländer ankündigt, so wie Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, oder gar Sondereinheiten gegen diese fordert, wie der Landesinnenminister Ulbig, gibt den Rechtspopulisten Recht.

Und wenn die Bundesregierung seit Monaten schärfere Gesetze gegen „Armutszuwanderung“ und „Sozialmissbrauch“ ausarbeitet, ist das ebenso unverantwortlich, weil sie damit nicht nur eine Phantomdebatte anheizt, sondern fremdenfeindliche Ressentiments nährt.

Das muss kritisiert werden. Im Hier und Heute.

Gedenken ist Erinnern an Vergangenes und wird wahrscheinlich nie ohne Rituale auskommen. Deswegen stehen wir heute hier und erinnern. Dieses Erinnern weist aber in die Zukunft.

Ich denke, wir werden dem Andenken der Opfer des Nationalsozialismus am besten gerecht, wenn wir uns auch zukünftig einmischen und Widerstand leisten gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassimus. Denn wir streiten für Demokratie und Freiheit, für soziale Gerechtigkeit, für Frieden. Für Menschlichkeit also.

Vielen Dank!

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/einwanderung-de-maiziere-will-kriminelle-auslaender-frueher-abschieben-13292909.html

http://www.mdr.de/sachsen/sondereinheit-straffaellige-asylbewerber100.html

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-08/bulgaren-rumaenen-zuwanderung-hartz-iv

[1] Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt a.M.:Suhrkamp, 1. Auflage 1971, S. 88