Zwei Weltkriege - eine Katastrophe - ein Jahrhundert

01.03.2014
René Lindenau

Das zwanzigste Jahrhundert war noch minderjährig, als aus ihm vierzehnjährig ein Weltkrieg erwuchs. Achtzehn sollte es werden, ehe jener Wachstumsprozess in den Blutmühlen und auf den Schlachtfeldern zum Stehen kam. Dazu meinte D.H. Lawrence: Der Krieg habe „die lang gewachsene europäische Zivilisation zerstört“ Und der damalige britische Kriegskorrespondent Philip Gibbs schrieb (1920), es habe ein „ großes Zerlegen des Fleisches unserer jungen Männer (gegeben), während die alten Männer ihre Opferung hinnahmen und die Profitmacher reich wurden und die Feuer des Hasses durch patriotische Bankette und in Redaktionssesseln angefacht wurden (...).“ Friedrich Engels formulierte schon 1887, 350f. :„Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen...“.
Wenn man vom Ersten Weltkrieg spricht, ist vom „Maschinenkrieg“ die Rede. Denn viele Waffen - so wie das Maschinengewehr, Panzer, Gas und Flugzeuge - kamen zum ersten Mal zum Einsatz. Viele Soldaten von damals sollte man allerdings auch beim Weltkrieg Teil 2 (1939-1945) wieder treffen: Göring, Rommel, Keitel, Dönitz - um nur einige zu nennen. Doch bevor es der Führer befahl, begann das Sterben für den Kaiser. War der erste u.a. mit der Marne mit der Ypern-Schlacht mit der Somme und mit Verdun nicht schlimm genug? Oder war das historische Gedächtnis zu schwach? Denn furchtbarer Weise folgte Jahre später u.a., in Warschau, London, Stalingrad, der Normandie und in Berlin eine Fortsetzung mit Nazi-Mitteln.
Sie sollte um vieles brutaler, verheerender und grausamer sein: Es war ein bis dahin nicht für möglich gehaltener industrieller Massenmord und eine regelrechte Menschenvernichtung in Todesfabriken. Man denke nur an die ca. eine Million Hungertoten während der Blockade Leningrads und an die zahlreichen KZ´s wie Auschwitz und Buchenwald.
Nun, der Soldatentod ist zweifelsohne immer schlimm. Schätzungen zufolge wurde er im ersten Weltkrieg rund 10 millionenfach im gestorben. Hinzu kamen um die 7 Millionen zivile Opfer. Über 64 Millionen Tote forderte der zweite Weltkrieg, darunter waren 24 Millionen Zivilisten.
Schneisen der Vernichtung von Körpern, Städten, von Kultur und von Landschaften schlägt jeder Krieg. Umso mehr muss man doch nach dem Sinn und Zweck jedes Krieges fragen. Umso mehr sind insbesondere die politischen Akteure jeder Zeit dem Frieden verpflichtet. Wie nährt man sich diesem Thema als Nachgeborener überhaupt? Unbestritten, das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Aber man kommt nicht um sie herum, wenn man aus der Geschichte lernen will. Darum geht es ja immer zuerst. Eine Bedingung dafür wäre, das schon oben erwähnte historische Gedächtnis stets frisch zu halten und für neue Erkenntnisse und Lehren aus der Geschichte offen zu sein. Wer sich so der Geschichte stellt und aus ihren Fehlern zu lernen bereit ist, der vermeidet vielleicht, die alten Fehler neu zu begehen. Daher mal so gefragt: Hat die dem ersten Weltkrieg nachfolgende Generation, diese Lernbereitschaft nicht aufgebracht und damit einen zweiten Weltkrieg erst möglich gemacht?
Es wäre nicht das erste Mal, das die Menschheit, es hat daran fehlen lassen. Ein beredtes Zeugnis für Defizite im Fach Friedenserhaltung und ziviler Konfliktlösungen, waren zahlreiche große und kleine Kriege, die auch nach 1945 immer wieder das zwanzigste Jahrhundert kriegerisch erschüttern sollten. Aus seiner Kriegs-und Konfliktchronik sei auszugsweise nur , auf die Atombombenabwürfe (1945), auf den Korea-Krieg (1950-53), auf den Vietnam-Krieg (1964-1975) und auf den Sowjetisch-Afghanischen Krieg (1979-1989) verwiesen.Verantwortungsloses Wettrüsten und kalter Krieg brachte die Welt mehrfach an den Rand eines letztlich nuklearen Abgrundes. In den sozusagen hochbetagten wie auch offensichtlich „rüstigen“ Neunzigern des zwanzigsten Jahrhunderts, zählte Alt-Kanzler Helmut Schmidt in seiner „Humboldt-Rede zu Europa“, gehalten an der gleichnamigen Universität am 8. November 2000, allein mehr als 50 regionale und lokale militärische Konflikte.Vergeblich hoffte man nach dem Ende der System- und Blockkonfrontation auf eine sogenannte Friedensdividende.Stattdessen wird von Bundeswehrsoldaten seit 1990 wieder verlangt, das sie ihre Haut zu Markte tragen und sie ihren Blutzoll entrichten, indem man sie weltweit in Auslandseinsätze entsendet. Ein Bundespräsident, Horst Köhler, der gewisse Wahrheiten aussprach, musste schon mal abtreten. Doch kriegführende deutsche Bundesregierungen von SPD, Grüne und Union - nicht zu vergessen die FDP - blieben im Amt und nannten das sämtlich, „Wahrnehmung gewachsener Verantwortung“. Die wird offenbar nur noch in militärischen Kategorien gedacht. Die Mahnung des sozialdemokratischen Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers, Willy Brandt, vom deutschen Boden dürfe kein Krieg mehr ausgehen, wurde kaltblütig für eiskalte Macht- und Interessenpolitik exekutiert. Wie will man dem beikommen? Mit dem preußischen General Clausewitz? Der schrieb: „Der ganze Krieg setzt menschliche Schwäche voraus, und gegen sie ist er gerichtet“. (in Vom Kriege, 4. Buch, 10. Kapitel). Oder hält man ihnen die letzten Worte (1813) des „Marschall Vorwärts“, Gerhard Leberecht von Blücher unter die Nase: „Sie haben im Krieg manches von mir gelernt; jetzt sollen Sie auch noch lernen, wie man im Frieden stirbt“.