Die politische Choregrafie der Linken

"Das Morgen tanzt im Heute" - Prof. Dieter Klein

01.03.2014
René Lindenau

Mit dem Thema „Integration des Finanzkapitals in Westeuropa“ hat er 1961 promoviert. Und Jahrzehnte später, am 18. Februar 2014, bringt er im Karl-Liebknecht-Haus dem Publikum bei, „Das Morgen tanzt im Heute“ (VSA-Velag, 2013 Hamburg). Einem Mann mit soviel Weitblick muss man doch zuhören und lesen, auch wenn man über manche seiner Thesen herrlich streiten kann, weil sie für viele linke Ohren ungewohnt klingen - oder weil sie jenseits bisher gekannter linker Lesegewohnheiten liegen. Sei´s drum, klug ist der Mann: Prof. Dieter Klein.

Als Hintergrund für den etwas lyrisch-anmutenden Titel des Buches erinnerte er eine Episode, mit dem später berühmt gewordenen Tänzer Rudolf Nurejew. Niemand wollte sein verborgenes Talent wahrnehmen, das tat erst eine eine frühere Primaballerina.Vorher haben sie nur über ihn gelacht.

Entwicklungen,Tendenzen und Potentiale einer Gesellschaft nimmt man oft auch nicht ernst. Genauso ist es möglich, selbst mit so großer Skepsis behaftet zu sein, dass man an Veränderungen nicht glauben kann. Aber notwendig sind sie: Denn eine Gesellschaft, die ihr neoliberales Antlitz nicht verbergen kann, da sie nur auf Grundlage einer sie dominierenden Profit-und Kapitallogik funktioniert, bedarf dringend anderer Entwicklungswege in ein besseres System: Dort wo der Mensch noch Mensch sein darf.

Von welcher Wichtigkeit dies ist, wird daran deutlich, wenn Klein schon in seinen Vorbemerkungen Ulrich Beck und das Hans-Jonas-Zentrum zitierend von „Risikogesellschaft“ sowie von einer „Menschheitsgefährdungsgesellschaft“ schreibt. Als ein Angebot, wie man aus diesem System ausbrechen kann, in der „das Geld der Henker aller Dinge geworden“ ist (Boisguilleberts, siehe MEW 23:155), wo man abseits dessen aufgefordert wird, über einen linken Gegenentwurf nachzudenken - so kann Prof. Klein´s Buch „Das Morgen tanzt im Heute“ gelesen werden.

Herkömmliche Reformen sozialdemokratischen Typs ließen sich noch immer in das bestehende System einpassen. Vieles sei im Leben der Menschen fest verwurzelt, was sich nicht so schnell ändern lässt. Prof. Dieter Klein fragte dazu mit Rudolf Augstein: „Was könnte das Schweigen der Masse aufbrechen“? In langen Zeiträumen denke man dabei schon, wie die Kapitelüberschrift „Die Strategie des langen Atems“ vermuten lässt. Der niedersächsische LINKE-Politiker Dr. Manfred Sohn hat da offensichtlich ein anderes Zeitgefühl, wenn er heute von „vorrevolutionärer Krise“ spricht – da wo bürgerliche Parteien Wahlerfolge wie lange nicht einfahren. Klein: „Riecht nicht ganz danach“.

Konträr dazu fordert er von der gegenwärtigen LINKEN für die kommende Zeit eine stärkere Präsenz in den sozialen Bewegungen. Bislang wäre die unzureichend. Zudem fordert der Autor von der Partei, dass sie stärker ihre Machtoption anmeldet und sie sich bei einer Regierungsbeteiligung, nicht nur als Korrektiv der SPD versteht. Es ginge vielmehr um die Verschiebung der Gesellschaft nach links. Kernthemen des Buches sind u.a. Transformation, die einer modernen linken Erzählung und Einstiegsprojekte in einen emanzipatorischen Transformationsprozess. Den „Allerweltsbegriff“ Transformation (D.K.) könnte man mit Veränderungsprozessen in Staat und Gesellschaft erklären. Dies muss nicht nur konzeptionell vorgedacht werden, wozu „Das Morgen tanzt im Heute“ einen Beitrag leistet, es muss auch eine Mehrheitsstimmung für Veränderungen - oder gar für einen Systemwechsel gegeben sein.

Doch zuviel Menschen scheinen sich im real kapitalistischen Ist eingerichtet zu haben, sodass derzeit keine Nachfrage besteht, den aus linker Sicht notwendigen Bedarf Veränderung des gesellschaftlichen Seins zu befriedigen. Wäre hier nicht Funktion und Betätigungsfeld der Linkspartei ausgemacht? Als „Grundtenor einer modernen linken Erzählung“ benennt Klein (S. 66) vier Leitideen: Gerechte Umverteilung von Lebenschancen und Macht, sozial-ökologischer Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft, demokratische Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft, umfassende Friedenssicherung und Solidarität. Auf eine Formel gebracht: Gerechte, solidarische Gesellschaft, einen demokratischen, grünen Sozialismus. Es wäre meiner Meinung nach unverantwortlich abzuwarten und auf den revolutionären Urknall zu warten. Gehandelt werden muss im Heute und Jetzt. Darum passt es gut, wenn Dieter Klein dafür wirbt, „innersystemische Veränderungen“, „die potentiell sozialistische Ansätze in sich bergen voranzutreiben“.

Somit wären wir bei dem Abschnitt der Einstiegsprojekte. Als beispielhaft berichtet der Wissenschaftler über den Beschluss eines Berliner Landesparteitages: Der Beschluss „Wohnen ist Menschenrecht“ würde nämlich in Eigentumsstrukturen eingreifen, sich gegen Spekulanten und gegen Profitdominanz wenden, sowie den sozialen Wohnungsbau fördern. Alles in Allem geht es um die Eröffnung einer linken Transformationsperspektive, die getragen von machbaren Alternativen und von gangbaren Übergängen, schon in der Gegenwart daran geht, die Lebenssituation der Menschen zu verbessern und ihre natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Ferner ginge es um progressive Reformen in der jetzigen Gesellschaft in der Übergänge geschaffen müssten, die den Einstieg in den Systemwechsel ermöglichen würden. Wer nunmehr abwinkt, sollte nie vergessen, das die Reformfähigkeit des Kapitalismus, ihm immer durch Gegenmächte aufgenötigt wurde (S.16). In solch einem Prozess der Nötigung darf bei Strafe des Untergangs der ganzen Menschheit eine demokratische Linke nicht außen vor bleiben. Sicher, das erfordert auch viel Umdenken und Selbstveränderung. Gemahnt sei jedoch mit Peter Weiss (Ästhetik des Wiederstandes): „Dies war das furchtbare, dass die Partei, deren Aufgabe es gewesen wäre, für die Befreiung der Kultur zu wirken, ihre schöpferischen Denker vernichtet und nur die Schablonen gelten ließ“. Ja, Schablonen helfen hier nicht. Vielleicht ein Tanz mit vielen neuen Schritten? Nurejew bat in einem Brief seiner Mutter auszurichten, dass ihr Sohn tanzt, um die Welt zu verbessern (S. 20)....

Das Morgen tanzt im Heute

VSA-Verlag-Hamburg, 2013

ISBN: 978-3-89965-568-1