Ein sanfter Roter. Zum Tod von Lothar Bisky

23.09.2013
Heinz Vietze in: Disput 09/2013

Lothar war ein feiner Mensch, ein verlässlicher Freund, mutig, aufgeschlossen, uneitel, warmherzig, bescheiden, tolerant, leidenschaftlich, weltoffen, bodenständig, humorvoll, sich nicht vor Verantwortung drückend, aber auch nichts dagegen habend, wenn man ihm Lasten abnahm, charmant, lebenslustig, liebenswürdig, willensstark, verletzbar, emotional angreifbar. Ja, Lothar war ein sanfter Roter, ein Integrator, eben ein feiner Mensch und verlässlicher Freund.

Wie haben wir uns kennengelernt? Es war das Frühjahr 1989, Lothar, Rektor der Hochschule für Film- und Fernsehen der DDR »Konrad Wolf«, hoch angesehen, streitbar, ein Rektor der Studenten. Sich schützend vor Dozenten und Studenten stellend. Das war ihm wichtig. Ich selbst wurde in dieser Zeit 1. Sekretär der SED-Kreisleitung in Potsdam. Eine Berichterstattung der Hochschule stand auf der Tagesordnung der Sitzung des Sekretariats. Lothar erschien nicht. Vier Wochen später auch nicht im Sekretariat der Bezirksleitung. Er gab uns zu verstehen, dass er Wichtigeres zu tun habe. Die Genossen im Sekretariat forderten parteierzieherische Maßnahmen, einige seinen Ausschluss aus der SED. Er lud mich ein zu einem Gespräch in den Studentenklub »Bratpfanne«, an seiner Seite seine Studenten. Es ging bis in die frühen Morgenstunden. Mir wurde umfangreich erläutert, was alles schief läuft im Sozialismus in der DDR, in der Partei, harter Tobak. Notwendige Reformen einräumend, blieb am Ende dennoch vieles offen. Dann kamen die turbulenten Tage des Herbstes. Lothar sprach auf der Großkundgebung am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz über die notwendige Demokratisierung und die Gewährleistung verfassungsmäßiger Rechte der Bürger in der DDR. Am Abend des 1. Dezember erkämpfte ich mir mit Unterstützung von Hans Modrow, damals Ministerpräsident, Einlass in das Politbüro und forderte dessen Rücktritt. Am 3. Dezember war es dann soweit. Politbüro und Zentralkomitee traten zurück, ein Arbeitsausschuss konstituierte sich und bereitete den Außerordentlichen Parteitag vor. Von da an waren Lothar und ich über zwanzig Jahre durch die politische Arbeit miteinander verbunden.

In seinem Buch »So viele Träume« gibt es ein Kapitel »Troika«. Dort kann man lesen: »Ein Gespann von drei Pferden, die vor einem Schlitten angeschirrt sind, nennt man Troika - sie fehlt in keinem Film, in dem russischer Winter herrscht. Sinnbildlich übertragen die Russen dies auf Menschen, die in die gleiche Richtung wirken. Lässt man den sentimentalen Beigeschmack weg, dann trifft das Bild der Troika auch auf die zehnjährige Zusammenarbeit von Michael Schumann, Heinz Vietze und mir zu. Eine Freundin hatte uns so genannt. Bald wurde es zum Markenzeichen der Potsdamer PDS. (…) Ohne die Troika wäre manches nicht gegangen. Für den Stolpe-Untersuchungsausschuss musste ich unendlich viel Zeit aufwenden, und die Troika glich aus. Später, als ich dann noch Parteivorsitzender wurde, wäre die Belastung in der Fraktion ohne das Engagement von Heinz und Micha wenigstens komplizierter, vermutlich aber unerträglich geworden. (…) Die Troika funktionierte auch, weil wir Spaß miteinander hatten und in den harten Tagen das nötige Vertrauen.«

Es wäre natürlich unfair, die gemeinsame, erfolgreiche Arbeit auf das Wirken der Troika zu reduzieren. Ich weiß sehr wohl, wir waren mehr, die wir mit Lothar gemeinsam wirkten. Zuvorderst natürlich Gregor Gysi, Dietmar Bartsch, André Brie, Gesine Lötzsch und Petra Pau in Berlin. Helmuth Markov, Anita Tack, Kerstin Kaiser, Rolf Kutzmutz, Ralf Christoffers und Dagmar Enkelmann und andere in Potsdam.

Mit den beiden Ministerpräsidenten Brandenburgs, Manfred Stolpe und Matthias Platzeck, beschritten wir den legendären Brandenburger Weg - nie konflikt- und kritikfrei, aber immer im fairen Umgang miteinander.

Lothar war auch ein emotional stark reagierender Mensch. Er konnte sich an Erfolgen erfreuen. Am 10. September hätte er sicherlich Tränen in den Augen gehabt, Freudentränen für die erfolgreiche Wahl von Konni Wehlan als Landrätin in Teltow-Fläming, gegen den gemeinsamen Kandidaten von SPD und CDU.

Emotional ergriffen war er auf dem Außerordentlichen Parteitag, auf dem Einigungsparteitag von PDS und WASG: die Gründung der neuen Linken, die Chance für eine gesamtdeutsche Linke unter starker Mitwirkung von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, von Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, von Klaus Ernst und Thomas Händel.

Und Freude hat Lothar auch immer empfunden über seine Familie, ohne deren aktive Mitwirkung er sicherlich die harten Belastungen in den verschiedenen Funktionen nicht gemeistert hätte.

Schmerzen bereiteten ihm Vorgänge in der Politik: der Selbstmord des Bundestagsabgeordneten Gerhard Riege, der Umgang mit dem Alterspräsidenten Stefan Heym im Deutschen Bundestag, die Nichtwahl von Daniela Dahn als Verfassungsrichterin in Brandenburg, der Rückzug Regine Hildebrandts aus der Landespolitik, weil sie nicht einer Koalition aus SPD und CDU angehören wollte.

Und natürlich auch seine erfolglose Bewerbung für das Amt des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages. Nicht wegen der Nichtwahl, mit Niederlagen konnte Lothar immer umgehen, sondern wegen der Kulturlosigkeit, die diesem Vorgang zugrunde lag. Das Kleinkarierte, Denunziatorische, der spürbare Hass und die fehlende Souveränität machten ihm zu schaffen.

Die Vorzüge des Lebens in einer freiheitlich demokratischen Grundordnung erforderten natürlich Umstellungen. Einiges bereitete ihm sichtlich Schwierigkeiten. Wie lange muss man bei einem Sitzstreik gegen die Militärschau auf einer Internationalen Luftfahrtschau sitzen? Wie unterstützt man Arbeiterinnen und Arbeiter bei einer Betriebsbesetzung? Wie verhindert man das Ende der eigenen Partei gegen Entscheidungen des Finanzgerichtes? Mit Anketten im Innenministerium, mit Hungerstreik im Abgeordnetenhaus und nach Räumung dann in der Volksbühne auf Einladung von Frank Castorf.

Lothar ist nach 1989 alles, was er nie werden wollte, was er nie angestrebt hat, geworden. Bundesvorsitzender der wohl interessantesten, aufregendsten, geschichtsträchtigsten, widerspruchsvollsten, dynamischsten, unterhaltsamsten und zugleich zukunftsfähigsten Partei. Erst der PDS, dann der Linke/ PDS und danach gemeinsam mit Oskar Lafontaine der Partei DIE LINKE. Drei Jahre war er darüber hinaus Vorsitzender der Europäischen Linkspartei. Er war nicht nur 15 Jahre Abgeordneter des Landtages Brandenburg, sondern Mitglied der Volkskammer im Wendejahr, des Bundestages und zuletzt des Europäischen Parlaments.

Lothar hat sich in diese Situation nicht ganz unfreiwillig begeben, weil er als aufgeschlossener Zeitgenosse nicht tatenlos zusehen wollte, wohin sich diese größer gewordene Bundesrepublik entwickelt, und weil er an der gesellschaftspolitischen Perspektive des demokratischen Sozialismus die vernünftige, machbare Antwort auf die gesellschaftlichen Herausforderungen betrachtete.

Ich weiß um seine inneren Kämpfe und empfinde tief den eingetretenen Verlust.

Danke Lothar.