Unterm Strich - ein Erfolg. Matthias Höhn zur Bundestagswahl und was nun folgen muss.

Die Bundestagswahl und die Landtagswahlen – und was ihnen folgen muss. Ein Interview im Magazin Disput mit Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn

23.10.2013

Die Bundestagswahl ist (fast) Geschichte. Zeit, Bilanz zu ziehen. Was überwiegt: die Zufriedenheit über das Zulegen im Vergleich zu Juni 2012 – damals standen wir in Umfragen bei fünf bis sechs Prozent – oder die Unzufriedenheit über den Verlust von 3,3 Prozent im Vergleich zur Wahl 2009?

Natürlich die Freude, weil ich mich sehr genau erinnere, in welchem schlimmen Zustand die Partei sich im Juni 2012 befand. Deswegen ist ein Ergebnis in Höhe etwa wie 2005 unterm Strich ein Erfolg.

Natürlich haben wir noch mal ausgewiesen bekommen, dass wir strukturelle Schwächen haben und wo sie liegen. Daran müssen wir arbeiten.

Was vor allem hat die 8,6 Prozent ermöglicht?

Ein hohes Maß an Motivation und Disziplin in der Partei – bei den Mitgliedern genauso wie bei Beschäftigten und Funktionären. Wir hatten ein Wahlprogramm, das die Partei zusammenführt und nicht auseinanderreißt, und wir brachten eine Kampagne auf die öffentlichen Plätze, für die wir auch von außerhalb sehr viel Lob bekommen haben. Und natürlich war Gregor Gysi einfach großartig.

Außerdem: Andere Parteien machten Fehler, und das nützt auch uns.

Und was hat uns daran gehindert, mehr als die 8,6 Prozent zu erzielen?

Die eigenen Fehler nach 2009. Da meine ich nicht nur die Personaldebatten, sondern auch eine versäumte Strategiedebatte. Dieses Versäumnis hängt uns bis heute nach.

Und wir haben nicht mehr eine Situation wie 2005 oder 2007: Die Faszination des Neuen, des Aufbrechenden ist weg. Die Partei ist im Alltag angekommen, und der ist bei Weitem beschwerlicher. Zudem wurde die Konkurrenzsituation schwieriger: 2005 und 2009 machten wir Wahlkampf gegen die SPD in der Regierung, diesmal hatten wir die SPD in der Opposition neben uns.

Hat sich die Variante mit einem 8er-Team bewährt?

(lacht) Jede Wahl hat ihre Entscheidungen, und jeder Wahlkampf hat seine ganz spezielle Note. Ich glaube, dass wir's beim nächsten Wahlkampf anders machen.

Wahlkampfzeiten sind Zeiten auch von Entdeckungen. Was ist dir aufgefallen an originellen Formen, Slogans, Talenten usw.?

Mir fiel auf, dass die Mehrheit der Parteien immer noch glaubt, wahlpolitische Auseinandersetzungen mit Werbescheiß führen zu müssen. Wir entschieden uns in der Kampagne bewusst für eine politische Ansprache und eine politische Auseinandersetzung. Das hat uns unterscheidbar gemacht und war im Fazit richtig.

Ich bin an der Stelle Purist und sage: Klare Ansprache, die Leute müssen damit umgehen können, um zu wissen, von wem es kommt – dann hat das Plakat seinen Zweck erfüllt.

Unsere wahrscheinlich schönsten Wahlkampfschlager waren die 200 roten Lastenfahrräder. Und mein Lieblingsmotiv in unserem Onlinewahlkampf ist am letzten Wahlkampftag geschaltet worden mit einem süßen kleinen Kätzchen, was im Internet immer großartig ist: Katzenbabys wählen DIE LINKE. Auch das letzte Register wurde gezogen.

Ein toller Erfolg war der Wiedereinzug in den hessischen Landtag: mit mehr Stimmen als bei der vorangegangenen Wahl …

Auf der Pressekonferenz am Tag nach der Bayernwahl habe ich gesagt: Selbstverständlich werden wir in den hessischen Landtag einziehen! Das war natürlich etwas gepokert. Aber: Die Verbindung zwischen Landtagswahl und Bundestagswahl am selben Tag war, das haben die Hessen selber im Vorhinein gesagt, für sie auch eine günstige Fügung. Denn wir wissen, dass wir bei der Bundestagswahl in unserem Wählerklientel stärker mobilisieren können, als wenn Landtagswahlen alleine stattfinden.

Das Zweite: Die Hessen machten einen sehr guten Wahlkampf mit einer guten inhaltlichen Bilanz und einer super Spitzenkandidatin. Und das Dritte: Sie sind in den wichtigen politischen Auseinandersetzungen vor Ort präsent, Stichwort Flughafenausbau.

Bei der Bundestagswahl schnitten wir in Berlin überdurchschnittlich ab. Alle vier Direktmandate im Osten konnten verteidigt werden, im »gemischten« Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lagen wir bei den Zweitstimmen vor allen anderen, und in Westbezirken konnten wir zulegen. Manche werden – im Rückblick auf rot-rote Regierungszeiten – sagen: Ausgerechnet in Berlin! Was sagst du?

Ich freue mich erst mal für Berlin. Der Landesverband hat es verdient; damit will ich nicht sagen, dass es andere nicht verdient haben. Aber er ist ja schwer gebeutelt worden in den vergangenen Jahren durch Wahlergebnisse und durch schwierige Debatten innerhalb der Partei. Aktuell hat er sich in den Auseinandersetzungen in Berlin gut positioniert.

Vor einfachen Antworten sollte man sich jedoch hüten. Wir haben insgesamt im Bundesgebiet weder eine klare Ost-West-Spaltung der Ergebnisse noch eine Nord-Süd- oder Stadt-Land-Spaltung, sondern wir haben zum Teil regional sehr unterschiedliche Ergebnisse. Für eine klare Antwort auf jedes Ergebnis ist es noch zu früh.

Du hast – für dich eine Premiere – als Wahlkampfleiter den Hut auf. Drückt er, ziert er, wie hat sich die Zusammenarbeit mit Gremien, Ländern, Agenturen usw. entwickelt?

Wenn man in der LINKEN Wahlkampfleiter ist, dann ist das wie für den Bundestrainer im Fußball: Es gibt 80 Millionen, die es besser wissen und das auch laut durch die Gegend schreien. Damit muss man leben. Auf der anderen Seite bemühte sich ja Gottseidank die ganz überwiegende Zahl an Mitgliedern in den Gremien ernsthaft und kreativ, die Aufgabe gemeinsam zu wuppen. Und bei aller Unterschiedlichkeit in den Landesverbänden, strömungspolitisch, kulturell: Das Bundeswahlbüro ist eine wirklich angenehme Runde. Insofern war es eine Erfahrung, die nicht immer stresst, sondern durchaus auch freudige Momente hatte.

Wo siehst du Reserven?

Ich hätte gern mal einen Wahlkampf mit mehr Zeit, ihn vorzubereiten. Aber leider ist auch der Europawahlkampf kein solcher. Wir konnten, weil die Partei die Fehler gemacht hat, die sie gemacht hat, leider erst viel zu spät mit der Vorbereitung des Bundestagswahlkampfes anfangen, und wir stürzen jetzt in den nächsten Wahlkampf. Wenn man unter Zeitdruck arbeitet, bleiben ein paar wichtige Sachen auf der Strecke, auf der anderen Seite diszipliniert der Zeitdruck dann auch ein bisschen.

Der Linken ihren Gremienfetischismus auszureden, ist ein erfolgloses Unterfangen. Man muss nur in der Lage sein, am Ende Entscheidungen herbeizuführen, die umsetzbar sind. Das haben wir bei der Bundestagswahl im Wesentlichen geschafft, sonst hätte die Kampagne auch nicht so funktioniert.

Nun zur Wahlauswertung, Bereich »Glas halb leer«: In den neuen Bundesländern haben wir zwar plakatiert »Der Osten wählt rot«, aber die Wähler/innen haben sich dort nicht so dran gehalten. Hat die Partei nicht mehr immer recht?

Selbstbewusstsein gehört zum Wahlkampf, und die Partei ist selbstbewusst aufgetreten, auch ganz bewusst mit diesem Ost-Plakat. Insofern: Selbst wenn wir von einer Mehrheit im Osten weit entfernt sind, ist dieses Selbstbewusstsein richtig – in manchen Wahlkreisen auch außerhalb von Berlin liegen wir an der 30-Prozent-Marke. Wir haben unser selbstbewusstes Gefühl als Ostdeutsche, die einen großen Teil der Partei bilden, in den letzten Jahren ein bisschen vermissen lassen. Es wurde Zeit, das wieder deutlicher nach außen zu tragen.

Wir präsentieren uns – nicht allein in Wahlkampfzeiten – auch als Partei der Arbeitnehmer/innen. Doch so richtig honoriert wurde dies nicht: Nur sieben Prozent der Gewerkschafter/innen im Westen wählten uns (insgesamt: 11%). Verstehen die Gewerkschafter/innen uns nicht, oder wir sie nicht?

Mit Ausnahme der Erwerbslosen liegen die Ergebnisse in den meisten anderen Klientels nahe an unserem Durchschnitt.

Bei den Gewerkschaften schlägt sich die Konkurrenz zu den Sozialdemokraten als allererstes nieder: Die SPD-Regierungspolitik war für viele Gewerkschafter/innen eine schwere Enttäuschung, und sie straften die SPD dafür erheblich ab und sie hatten uns gestärkt – nicht nur durch Wählerstimmen, sondern zum Teil auch durch Mitgliedschaft. Aber hier hat sich was verändert, und der Geländegewinn der SPD ging hier auch zu unseren Lasten.

Die Merkel-CDU hat die politische Landkarte drastisch eingeschwärzt. Auf nicht wenige wirkt das beängstigend. Wie erklärst du dir diesen nahezu flächendeckenden Erfolg selbst bei den Erststimmen, also bei den Direktkandidaten?

Direktwahlkreise werden, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht allein dadurch gewonnen, dass ich eine intelligente und charmante Persönlichkeit aufstelle. Sie sind erheblich von der Grundstimmung für die jeweilige Partei abhängig, von der wird in den Wahlkreisen profitiert. Insofern hat jeder CDU-Kandidat, ob kompetent oder Nappsülze, von Frau Merkel profitiert.

Das ist ja immer so, nur scheint 2013 der Trend besonders stark zu sein.

Weil es einen extremen Zulauf zur CDU gab. Viele Jahre war die CDU von Ergebnissen über 40 Prozent weit entfernt. Diesmal erlebten wir einen Erdrutsch in Richtung CDU, und von dem haben ihre Direktkandidaten profitiert. Das hat mehrere Gründe. Der zentrale Grund ist die herausragende Beliebtheit der Kanzlerin – die kann ich gut oder schlecht finden, aber sie ist einfach unheimlich beliebt. Zweitens: Ein zentrales Wahlmotiv war das Stichwort Sicherheit in unsicheren Zeiten, und dafür steht sie in der Wahrnehmung der Leute. Der dritte Grund ist der Mangel an überzeugenden Alternativen. Damit meine ich nicht unbedingt ein inhaltliches Angebot, sondern eine realistische Wechselperspektive und den geeigneten Kandidaten bzw. die geeignete Parteienkonstellation dafür.

Besteht womöglich die Gefahr, dass sich die Bundesrepublik zu einem Zwei-Parteien-Parlamentssystem hin entwickelt?

Ausschließen kann ich natürlich nichts, gesellschaftliche Entwicklungen sind immer offen. Trotzdem halte ich das für sehr unwahrscheinlich. Dafür ist unsere Gesellschaft, sind die Milieus, die Wählergruppen soweit ausdifferenziert und ist die traditionelle feste Wählerbindung so weit reduziert, dass es bei jeder Wahl genügend Freiraum gibt, neben zwei großen Parteien immer noch den politischen Spielraum für kleinere Parteien zu haben.

Im Übrigen haben wir die Debatte gerade in der Öffentlichkeit, Stichwort Fünf-Prozent-Hürde. So manches in diesem Parlament täuscht über andere Wählerbewegungen hinweg. FDP und AfD fehlen ein paar tausend Stimmen, um im Bundestag vertreten zu sein. Ansonsten gäbe es eine »Bereicherung« mit der AfD. Insofern hat sich bei dieser Wahl eigentlich das Spektrum erweitert. Und die Frage, ob es das jetzt mit der AfD war oder sie noch eine Chance hat, ist offen. Sie wird die Europawahl nutzen und dort unter günstigeren wahlrechtlichen Bedingungen ins Europaparlament einziehen wollen. Insofern ist der Trend ein anderer.

In der Alternative für Deutschland wirken, wie ein LINKE-Landesvorsitzender bemerkt, neben »politischen Verrückten auch durchaus honorige Persönlichkeiten« mit. Eine Verharmlosung, immerhin hat sie 360.000 Stimmen von einstigen LINKE-WählerInnen erhalten?

In den meisten Parteien gibt es honorige Persönlichkeiten und auch Verrückte. Das ist erst mal kein Kriterium. Die AfD ist neu auf dem politischen Feld, mit viel Geld und viel Kompetenz, Stichwort »Professorenpartei«. Sie ist keine Neonazipartei, aber sie ist ein neues Angebot im rechtskonservativen Milieu und politische Gegnerschaft von uns. Ich warne davor zu glauben, wir könnten jede dieser abgewanderten Stimmen zurückholen. Ganz unterschiedliche Motive führten dazu, beim vorigen Mal DIE LINKE und diesmal die AfD zu wählen. Die Schlussfolgerung, wir hätten eurokritischer auftreten müssen, dann hätten wir ein besseres Ergebnis bekommen, kann ich so noch nicht ziehen. Dafür fehlt mir der Beleg.

Bei der AfD mischt sich sehr viel zusammen: zum einen ein eher unpolitisches Protestmilieu, dazu ein explizit rechtes Spektrum und dann auch konservative Überzeugungswähler. Die Frage, was man davon für DIE LINKE wieder gewinnen kann und was man nicht gewinnen kann, weil man sich auf ein solches politisches Feld nicht begeben darf, werden wir diskutieren müssen. Für uns ausgeschlossen ist eine national geprägte Antwort auf die europäische Krise. Die Frage, wie rebellisch wir sein können oder müssen, um Protestwähler wieder stärker zu binden, ist legitim.

Willst du sie gleich beantworten?

Nein, ich will sie erst mal in den Raum stellen, weil die Antwort auf das eine die nächste Frage aufwirft: Was haben wir an die CDU verloren, was haben wir an die SPD verloren, aus welchen Gründen haben wir diese Wählerinnen und Wähler verloren? Und was riskieren wir auf dieser Seite, wenn wir auf der Protestseite in eine bestimmte Richtung reagieren? Deswegen muss man sich das insgesamt anschauen. Und wir brauchen auch noch mal eine Diskussion in der Partei, welche Milieus und welche strategischen Debatten für uns in den nächsten Jahren im Zentrum stehen.

Dafür bleibt kaum Zeit.

Es ist nie Zeit in dieser Partei.

Wenn der Mindestlohn in der einen oder anderen Weise kommt, der Steuersatz irgendwie angehoben wird, die Soldaten aus Afghanistan abgezogen sind … – was wird aus unseren »Markenkernen«?

Die Frage ist, ob der Markenkern ein einzelnes Projekt ist. Oder ein Wert – Aus meiner Sicht kann es nur so sein, ansonsten ist man flüchtig als Partei. Wir haben den Markenkern als programmatische Wertepunkte und als Wertesystem definiert, und nicht als einzelnes Projekt – sonst hat man sich irgendwann erledigt, wenn das Projekt erledigt ist. Deswegen haben wir nie gesagt, der Markenkern der LINKEN ist der Mindestlohn, sondern der Markenkern der LINKEN ist soziale Gerechtigkeit. Und diese Frage wäre auch mit der Einführung des Mindestlohnes nicht erledigt, sondern es stellt sich dann mit Sicherheit das nächste Projekt oder die nächste Baustelle, wo es auch wieder um diesen Wert geht.

Der hessische Erfolg kann die Misserfolge bei den Landtagswahlen in Niedersachsen (zum Jahresanfang) und in Bayern nicht vergessen machen. Was lief bei diesen Wahlkämpfen und davor schief?

Das sind zwei unterschiedliche Fälle. In Bayern waren und sind wir außerparlamentarische Opposition, und als »APO« den Sprung ins Parlament zu schaffen, ist eine Aufgabe für Zeiten, in denen die Bedingungen dafür günstiger sind für uns als im Moment. Das ist nicht einfach mal so zu wuppen in einem riesengroßen Land mit vergleichsweise wenigen Mitgliedern, wenigen Strukturen und mit einer erst in den Anfängen befindlichen politischen Verankerung in den Kommunen. Insofern wird Bayern noch ein Stück dauern. Die Mitglieder haben trotzdem unglaublich dafür gerackert.

In Niedersachsen hatten wir eine andere Situation: einen ganz gut aufgestellten Landesverband mit einem landespolitischen Profil, die Landtagsfraktion hat eine respektierte Arbeit gemacht. Da muss man einfach sagen: Wir waren im Januar 2013 als Bundespartei noch nicht wieder in der Situation, den für den Wiedereinzug nötigen Rückenwind zur Verfügung stellen zu können. In Hessen waren wir jetzt an dem Punkt. Und in Niedersachsen kam noch eine für uns ungünstige Parteienkonstellation hinzu – und wir haben den Fehler gemacht, uns darauf einzulassen.

Du hast kurz die Parteientwicklung angesprochen. Was und wie soll künftig gelingen, was bisher nicht gelang?

Parteientwicklung in der Fläche lässt sich nicht einfach mal von oben anordnen. Die Partei muss das wirklich gemeinsam machen, oder es findet nicht statt. Wir haben nach 2005, seit dem aufeinander Zugehen von PDS und WASG, und nach der Parteigründung rund zehn Millionen Euro in den sogenannten Aufbau West investiert, für Geschäftsstellen, Personal, Kampagnen etc. Mit dem Ergebnis können wir nicht zufrieden sein. Was auch heißt: Parteientwicklung ist nicht nur und gar nicht zuerst eine Geldfrage. Deswegen habe ich auch im Vorstand dafür geworben, dass wir jetzt als Fazit dieser Bundestagswahl und im Rückblick auf die vergangenen Jahre erst einmal eine politische Debatte darüber führen, worauf wir uns in der Arbeit konzentrieren wollen, was vorrangige Aufgaben sind, welche Milieus wir ansprechen und wo wir regional Schwerpunkte setzen wollen. Und dass wir dann darüber reden, was das für einen strukturellen Unterbau verlangt und wie wir den finanzieren können. Diese Fragen stellen sich auch, weil sich die Partei aufgrund des Wahlergebnisses aufs Sparen einstellen muss. Das werden wir mit den Landesverbänden bereden. Ich glaube, dass wir keine generelle Lösung finden, sondern dass wir mit jedem Landesverband einen ganz individuellen Weg bereden müssen.

Im nächsten Jahr sind elf Kommunalwahlen, davon sechs im Westen, zum Teil in Ländern, wo wir noch erheblich arbeiten müssen an der Parteientwicklung. Zum einen können und müssen wir die Kommunalwahlen dafür nutzen, und zum anderen müssen wir entscheiden, worauf wir uns konzentrieren – und was wir nicht tun können. Wir sind nicht in der Lage, in der gesamten Bundesrepublik in jedem Dorf, in jedem Ort als DIE LINKE Präsenz zu zeigen, das können wir auch mit Geld nicht simulieren.

Und die Parteientwicklung im Osten ist aus einer ganz anderen Richtung ebenfalls ein wichtiges Thema.

Bis wann soll die Debatte abgeschlossen sein?

Wir werden sie nicht abschließen können mit dem »Endprodukt« eines Konzeptes, weil Schritt für Schritt vorgehen müssen und auch ein Stück Learning by Doing betreiben. Insofern brauchen wir jetzt eine Analyse. Die Partei hat vor ungefähr zwei Jahren das Projekt LINKE 2020 auf den Weg gebracht mit sehr vielen Vorschlägen. Jetzt schauen wir uns erstmal an, was da im Ergebnis passiert ist, bevor wir das nächste Konzept aufschreiben und Schlussfolgerungen ziehen. Wir haben dafür nicht viel Luft, weil die Wahlkämpfe nicht auf sich warten lassen. Und wir müssen die beiden Prozesse miteinander synchronisieren; es braucht aber Zeit.

Du hast vom Sparen gesprochen. Wie viel Geld ist weniger zur Verfügung?

Wir bekamen bei der Bundestagswahl ungefähr 1,4 Millionen Wählerstimmen weniger. Jede Wählerstimme »kostet« uns 70 Cent. Und wir haben elf Abgeordnete weniger, das heißt deutlich weniger Mandatsträgerbeiträge. Wir werden – der Parteivorstand genauso wie die Landesverbände – schauen, wie wir mit diesem Einsparvolumen umgehen.

Das Geld, die staatlichen Mittel, fehlt uns für die laufende Arbeit in der Bundesgeschäftsstelle, fürs Sparen für die künftigen Wahlkämpfe (zentraler Wahlkampffonds) und für den Länderfinanzausgleich. Bis November, wenn wir den Finanzplan fertig haben wollen, müssen wir darüber reden, was das im Einzelnen bedeutet. Dem kann ich jetzt nicht vorgreifen. Aber natürlich ist klar: So eine Million spart man nicht im Vorbeigehen ein; es wird den einen oder anderen Einschnitt geben.

Die Partei hat nach 2009 einen Fehler gemacht, den wir jetzt ausbügeln müssen: Sie baute insgesamt eine Struktur auf, die finanziell auf ein Wahlergebnis von 12 Prozent angewiesen ist. Das hat uns in einem hohen Maße auch finanziell abhängig gemacht von diesem Wahlergebnis, und jetzt müssen wir mittelfristig eine Struktur auf den Weg bringen, die sich unabhängiger macht von Wahlergebnisschwankungen.

Das betrifft den Haushalt insgesamt, jeden Punkt.

Das ist eine lösbare Aufgabe. Die Partei muss nicht in Panik geraten. Aber wir müssen konsolidieren.

Die vielen Eintritte im Wahlkampf und unmittelbar nach dem Wahltag stimmen uns optimistisch.

Wir haben deutlich mehr Mitglieder werben können als außerhalb der Wahlkampfzeit. Das ist ein wichtiger Schritt. Und das ist vor allem für die Landesverbände wichtig für die politische Arbeit genauso wie für die strukturellen und finanziellen Aufgaben, über die wir geredet haben. Es bleibt das Ziel, dass die Landesverbände möglichst auf den Weg der Eigenfinanzierung kommen. Und das steht und fällt mit den eingenommenen Mitgliedsbeiträgen.

Bald nun ist (wieder) Wahlkampfzeit. Inwiefern werden sich die Herausforderungen zur Europawahl von denen zur Bundestagswahl unterscheiden? Wird's leichter, wird's schwerer?

Anders wird's. Die erste Herausforderung ist, dass an diesem 25. Mai 2014 die Europawahl mit zehn Kommunalwahlen zu verbinden ist. Und wir müssen es gemeinsam mit den Ländern schaffen, vor dem Wahltermin nicht nebeneinander irgendwelche Kampagnen zu machen, sondern möglichst abgestimmte Kampagnen hinzubekommen. Das ist inhaltlich machbar, weil Europa und Kommunen, soweit sie möglicherweise für den einen oder anderen auseinanderliegen, politisch durchaus miteinander zu verknüpfen sind.

Zweitens ist das europolitische Feld nicht das einfachste und schon gar nicht, wenn man gegen Frau Merkel bestehen will. Und die Situation mit der AfD wird sich noch mal zuspitzen. Das heißt: Wir brauchen die politische Diskussion darüber, mit welcher Ansprache wir in die Europawahl gehen. Das ist leistbar, aber nicht aus dem Stand zu machen.

Wie ist der Stand der Dinge? Wann passiert was?

Der Parteivorstand diskutiert im Oktober den ersten Entwurf des Europawahlprogramms; er wird unter Federführung der Vorsitzenden erarbeitet. Im November werden wir das zweite Mal über den Programmentwurf diskutieren und ihn dann als Leitantrag beschließen. Wir haben diesmal deutlich weniger Zeit als beim Bundestagswahlprogramm, was es auch viel schwieriger macht, darüber eine breite Debatte in der Mitgliedschaft zu führen. Im Februar werden wir in Hamburg unseren Europa-Parteitag durchführen und das Wahlprogramm beschließen und danach am selben Ort, am selben Wochenende die Kandidatenliste aufstellen.

Für diese Liste hat nach unserer Satzung der Bundesausschuss ein Vorschlagsrecht, er wird über den Vorschlag am 30. November entscheiden.

Was erwartest du als Bundesgeschäftsführer von der neuen Bundestagsfraktion? Wie kann sie – als trotz allem kleine Fraktion – dem Anspruch als Vertreterin der drittstärksten Partei gerecht werden?

64 Abgeordnete bilden, wenn sie das geschickt anstellen, eine ziemlich schlagkräftige Truppe. Ich erwarte von der Fraktion, dass sie sich auf die Debatten konzentriert, die in der Gesellschaft geführt werden, nicht in irgendwelchen Hinterzimmern, und dass sie verinnerlicht, dass Personalentscheidungen nicht das Zentrum der Welt sind. Wir haben eine gewachsene Verantwortung mit der wahrscheinlichen Oppositionsführerschaft gegen eine Große Koalition. Das ist kein Pappenstiel, aber es ist auch eine große Chance für die Partei. Die muss sie nutzen, und das steht und fällt mit der Fraktion. Sie kann es eigentlich nur besser machen als die vorige Bundestagsfraktion; die hat in den Jahren von 2009 bis 2012 sehr viel falsch gemacht.

Als du am Wahlabend, kurz nach 18 Uhr, auf der Bühne der Wahlparty verkündet hast, DIE LINKE sei nunmehr die drittstärkste Partei, hast du sehr beherrscht gewirkt. War das Understatement oder Stil?

Ich bin wie ich bin, ihr werdet mich in solchen Situationen nicht auf der Bühne rumspringen sehen. Natürlich habe ich mich gefreut. Als ich da oben stand, bei diesem Ergebnis, hatte ich unwahrscheinlich weiche Knie. Aber nach außen lasse ich mir das nicht so anmerken.

Interview: Daniel Bartsch und Stefan Richter