40. Jahrestag der Gründung der New Jewel Movement (Grenada)

(„Der Linke Radikalismus“ – nicht nur eine ´Kinderkrankheit des Sozialismus/Kommunismus`)

10.03.2013
Dr. Andreas Diers, Bremen

Der 11. März 1973 war nicht nur für die kleine Karibikinsel Grenada, sondern für die ganze sozialistische Bewegung in Zentral- und Südamerika ein denkwürdiger Tag. Am diesem Tag ist auf Grenada in der Hauptstadt St. George die New Jewel Movement (NJM) als sowohl graswurzelorientierte sowie auch marxistisch geprägte Partei gegründet worden. Sie ging aus der Vereinigung der einige Monate vorher von Union Whiteman und Selwyn Strachan gegründeten Joint Endeavor for Welfare, Education and Liberation (JEWEL) und der gleichfalls kurz vorher von dem jungen Anwalt Maurice Bishop und von Kenrick Radix gegründeten Movement for Assamblies of the People (MAP) hervor. Die führende Persönlichkeit dieser neuen Partei wurde der charismatische Maurice Bishop.

Von 1973 bis 1979 ist die NJM auf Grenada als Oppositionspartei gegen die regierende Grenada United Labor Party aktiv gewesen. Zwar hat die Grenada United Labor unter der Führung von Sir Eric Gairy die Insel im Jahr 1974 in die Unabhängigkeit geführt, die politische und soziale Situation auf Grenada ist jedoch danach zunehmend durch Polarisierung, Gewalt, Unterdrückung politischer Gegner und Wahlbetrug seitens der Regierungspartei und ihrer Geheimpolizei geprägt gewesen.

Spätestens die Geschehnisse im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen am 7. Dezember 1976 haben der NJM klargemacht, dass sich das politische System auf Grenada nicht mit demokratischen Wahlen verändern lässt. Auch als Reaktion auf diese Erkenntnis sowie als Instrument einer Revolution hat die NJM in den späten 1970er Jahren die National Liberation Army (NLA), auch als "The 12 Apostles" bekannt, gegründet.

In einer so gut wie gewaltfreien Revolution hat die NJM am 13. März 1973 auf Grenada die Macht übernommen, während sich Eric Gairy in New York aufhielt, um vor der UNO über UFOs zu ´berichten`. Die NJM eroberte im ganzen Land die Kasernen, Radiosender, Regierungsgebäude und Polizeistationen. Maurice Bishop setzte anschließend die bisherige Verfassung außer Kraft und verkündete über Radio, dass die NJM eine provisorische revolutionäre Regierung bilde, das People's Revolutionary Government, mit ihm als Premierminister. Nach der Revolution beschrieb sich die NJM zwar als eine avantgardistische Partei, nicht jedoch als eine kommunistische Partei. Sie hielt weder sich selber für reif genug um eine kommunistische Partei zu sein, noch hielt sie die historische Situation auf Grenada für entwickelt genug, um in naher Zukunft einen Sozialismus aufzubauen. Die NJM strebte vielmehr an, auf Grenada fortschrittliche ökonomische, politische, soziale und kulturelle Programme umzusetzen. Nach der Revolution wurden einige Enteignungen durchgeführt, außerpolitisch war Grenada blockfrei. Zwar ist die NJM ein Mitglied der sozialdemokratisch orientierten Sozialistischen Internationalen (SI) gewesen, aber die NJM hat auch als Mitglied der SI die Beziehungen zu Kuba und den anderen sozialistischen Ländern wesentlich verbessert. Besonders Kuba hat sich auf Grenada engagiert, wie zum Beispiel durch den Bau eines neuen internationalen Flughafens und beim Aufbau einer neuen Armee. Mit ihrer Politik hat die NJM eine starke Unterstützung innerhalb der Bevölkerung gewinnen können, und das trotz einiger Versäumnisse und negativer Aspekte des revolutionären Prozesses.

So hat es die Regierung nicht geschafft, Wahlen abzuhalten oder eine neue Verfassung zu verabschieden und über diese die Bevölkerung abstimmen zu lassen, Und nach der Revolution war die NJM die einzige zugelassene politische Partei, Positionen in der Regierung und der neuen Armee wurden fast ausschließlich nur nach politischen Kriterien vergeben.

Natürlich ist die revolutionäre Regierung der NJM wegen ihrer Politik von mehreren Regierungen der Länder der Karibik, und besonders durch die US-Regierung unter dem sehr konservativen Republikaner Ronald Reagan heftigst kritisiert worden. Und es hat wie nicht anders als zu erwarten gewesen war seitens der USA auch massive Einmischungen und Versuche der Störung des revolutionären Prozesses gegeben, nicht zuletzt wie zuvor schon in Chile unter Salvador Allende auch durch die CIA. Diese Kritiken und Störversuche von außen konnten der Revolution auf Grenada jedoch kaum gefährlich werden. Die Gefahr für den revolutionären Prozess ist letztlich vielmehr direkt in der NJM von Innen in Form eines „linken Radikalismus“ gekommen – und hat diesen Prozess schließlich abgewürgt.

Die realistische und pragmatische Politik des People's Revolutionary Government unter Maurice Bishop – so gab die Weltbank beispielsweise im Jahr 1980 eine sehr wohlwollende Einschätzung ab, in der sie die gesunde Finanzpolitik Grenadas lobte, und zwei Jahre später lobte sie zudem auch die erfolgreiche, auf die kritischen Entwicklungsgebiete konzentrierte Vorgehensweise der revolutionären Regierung Grenadas – stieß bei einigen Mitgliedern der NJM auf immer stärkeren Widerstand. Schon im Jahr 1977 gründete der im Jahr zuvor aus Jamaika zurückgekehrte Professor für Völkerrecht und Wirtschaftswissenschaften Bernard Coard innerhalb der NJM den Schulungszirkel Organization for Revolution, Education and Liberation (OREL). Bernard Coard, der in der Bevölkerung sehr viel weniger beliebt als Maurice Bishop gewesen ist, gelang es einflussreiche Mitglieder der NJM um sich zu scharen, so den stellvertretenden Verteidigungsminister und Teile der Armee. Einigen Einfluss hatte er auch durch seine Ehefrau Phyliss Coard, die die Präsidentin des Frauenbundes auf Grenada war. Im Jahr 1982 trat Bernard Coard nach politischen Konflikten mit Maurice Bishop aus dem Zentralkomitee der NJM aus und beschuldige dieses, es würde die revolutionären Ziele nicht mehr erfüllen. Er blieb jedoch Vize-Premierminister und Minister für Finanzen, Handel und Planung.

Als Bernard Coard und die anderen ProtagonistInnen des vermeintlich „linken Flügels“ der NJM im Zusammenhang mit den sich immer mehr verschärfenden innerparteilichen Konflikten erkannten, dass sie sich in der Partei und in der Regierung nicht so wie von ihnen beabsichtigt durchsetzen konnten, stürzten sie in völliger Verkennung der nationalen und internationalen Bedingungen Maurice Bishop im Oktober 1983. Maurice Bishop wurde zunächst zusammen mit zahlreichen anderen Regierungs- und Parteimitgliedern von den Putschisten inhaftiert. Die wegen seiner Popularität natürlichen unvermeidlichen Demonstrationen gegen die Verhaftung von Maurice Bishop wurden von den „Linken Radikalen“ mit Gewalt beendet, etwa 100 Menschen wurden erschossen. Und am Abend des 19. Oktobers 1983 wurden schließlich unter anderem auch Maurice Bishop, Außenminister Union Whiteman und die schwangere Gesundheitsministerin Jacqueline Creft exekutiert, obwohl sie sich ergeben hatten. Mit diesem Gewaltakt gewann in der NJM der „Linksradikalismus“ die Oberhand, mit verheerenden Folgen für Grenada und die Partei. Denn dieser Putsch ist für die USA der willkommende Anlass für ein Eingreifen auf Grenada gewesen. Am 25. Oktober 1983 begann dann unter der Bezeichnung Operation Urgent Fury die Invasion Grenadas, durch die Aktion wurde die NJM innerhalb einer Woche gestürzt und anschließend aufgelöst. Damit war der revolutionäre Prozess auf Grenada beendet – auch dank der Hilfe des „Linken Radikalismus“.