Teile, was du kannst. Eine Care Revolution muss mit Commons-Ansätzen zusammengedacht werden

27.08.2012
Friederike Habermann, in: ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 574

»Die Fähigkeit von Feministinnen in der Vergangenheit, reproduktive Arbeit als wesentliche Sphäre menschlicher Tätigkeit anzusehen, die nicht negiert, sondern revolutioniert werden sollte, muss aufgegriffen und erneuert werden«, schreibt die autonome Feministin und emeritierte Professorin Silvia Federici in dem Artikel »Feminism and the Politics of the Commons« von 2010. (1)

Eine »Care Revolution« fordert auch Gabriele Winker in ak 573 angesichts der »sozialen Reproduktion in der Krise«. Denn wenn von Krise gesprochen werde, dann gehe es um Banken, um Märkte, um den Euro - jedoch nicht um Menschen und die aufgrund prekärer und entgrenzter Lohnarbeit fehlenden finanziellen und/oder zeitlichen Ressourcen für Sorgearbeit. Die soziale Absicherung werde sukzessive abgebaut sowie staatliche Aufwendungen in den Bereichen der Erziehung, Bildung, Gesundheit und Pflege reduziert. Unter »Krise sozialer Reproduktion« versteht sie dementsprechend den zugespitzten Widerspruch zwischen Profitmaximierung einerseits und Reproduktion der Arbeitskraft andererseits.

Winker plädiert für eine »Care Revolution« als ein Konzept, das Zeit für Sorgearbeit, Zeit für politisches und zivilgesellschaftliches Engagement sowie Zeit für Muße bei gleichzeitiger sozialer Absicherung zum Ziel gesellschaftlicher Transformation hat. Erste Schritte seien eine radikale Arbeitszeitverkürzung mit Lohn- und Personalausgleich, die Realisierung des Mindestlohns sowie ein bedingungsloses, die Existenz sicherndes Grundeinkommen.

Zweitens sei die auf Freiwilligkeit beruhende, individuell geleistete Sorgearbeit in den Familien mit einem deutlich ausgebauten Netz staatlich, genossenschaftlich oder gemeinwirtschaftlich angebotener personennaher Dienstleistungen zu verbinden. Und drittens brauche es eine gesellschaftliche Aufwertung und deutlich höhere Entlohnung dieser Dienstleistungen. Verbunden mit humanen Aufenthaltsgesetzen ließen sich so auch die Arbeitsbedingungen von migrierten Angestellten in der Betreuungs- und Pflegearbeit legalisieren und verbessern.

Reproduktionsarbeit im Kapitalismus

Das sind berechtigte Forderungen. »Wenn die Gesellschaft ihre dominierenden Lebensentwürfe und ihr Verständnis von Arbeit in Frage zu stellen bereit ist - von Erwerbsarbeit und von Versorgungsarbeit -, ergibt sich durch Arbeitszeitverkürzung eine Chance auf eine freiere Entfaltung der Individualität. Doch diese setzt nicht allein mehr verfügbare Zeit voraus, sondern auch - innerhalb ziemlich flexibler Grenzen - das Recht auf Zeitsouveränität und von der Arbeitszeit entkoppeltes Einkommen«, schrieb ich 1995 auf der letzten Seite meiner VWL-Diplomarbeit.

Meinem Professor an der Hamburger Universität schlackerten die Ohren. Eine »Care Revolution« ist all dies jedoch nicht. Und Silvia Federici würde hinzufügen, es gehe stattdessen um die Aneignung dieses Bereichs: »Wir können keine alternative Gesellschaft und autonome (self-reproducing) Bewegung schaffen, wenn wir unsere Reproduktion nicht in einer kooperativen Form neu entwerfen und die Trennung aufheben zwischen Persönlichem und Politischem, zwischen politischem Aktivismus und der Reproduktion des alltäglichen Lebens«.

Erst im Kapitalismus wurden Versorgungstätigkeiten aus zumeist kollektiven (wenn auch nicht hierarchiefreien) Strukturen herausgelöst und zunehmend privatisiert. Gleichzeitig aber, wieder in den Worten Federicis, ist die »Reproduktion von Menschen die arbeitsintensivste Aufgabe auf Erden, und eine, die sich der Mechanisierung weitgehend verweigert.« Während sich im Neoliberalismus also einerseits die kommerzialisierte Privatisierung immer weiter durchsetzt, ist diese vor allem langfristig kontraproduktiv für den Kapitalismus.

Hierauf haben nicht zuletzt die sogenannten »Bielefelderinnen« Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof 1983 mit ihrer Veröffentlichung »Frauen, die letzte Kolonie« aufmerksam gemacht - und damit an die Thesen von Rosa Luxemburg angeknüpft, die erstmals herausarbeitete, dass Kapitalismus nicht existieren kann ohne permanente Ausbeutung nicht kapitalisierter Bereiche.

Revolution des Gemeinschaftlichen

Wie viele andere Linke auch, setzt sich Federici seit einigen Jahren mit dem Konzept der Commons auseinander - oder, wie unter anderem von Michael Hardt und Toni Negri als Begriff gebraucht, dem Konzept »of the Common«. Während dieser Begriff auf das Gemeinschaftliche verweist, sind Commons erst einmal nichts anderes, als es die Allmenden im Mittelalter waren: die Ländereien von Dorfgemeinschaften. Diese umfassten übrigens nicht nur die eine Dorfweide, wie viele meinen, sondern auch das Ackerland. Diese Flächen wurden zu Beginn der Neuzeit zum großen Teil von den Herrschenden angeeignet, was durch die damit verbundene Trennung der Menschen von ihren Lebensgrundlagen zur »Freisetzung« des Industrieproletariats führte.

Jeremy Rifkin, Vorsitzender der Stiftung Economic Trends, schreibt schon 2000 in seinem Buch »Access«, wir befänden uns heute im Übergang von dieser industriellen Revolution zur »kollaborativen«, also zur »Revolution des Gemeinschaftlichen«; dies sei »einer der großen Wendepunkte der Menschheitsgeschichte«. Zugang werde zum Prüfstein dafür, wie gerecht Handlungsmöglichkeiten organisiert seien. Mit genügend materiellen Gütern im Umlauf mache Ausschluss keinen Sinn mehr.

Genau in diesem Sinne, jedoch kommunistisch weitergedacht, argumentieren Michael Hardt und Toni Negri (2010), dass durch die Informatisierung der Produktion ein »Common Wealth« geschaffen werde, welcher als gesellschaftliche Basis Ausschluss vermeiden lasse, da Knappheit durch das Prinzip des Reichlichen ersetzt werde.

Während das Verlockende dieser Theorie ist, dass sich die Utopie innerhalb kapitalisierter Arbeitsverhältnisse schafft, so übersieht sie nicht nur, dass technische Entwicklungen zwar emanzipatorisch genutzt werden können, dies aber aktiv geschehen muss. Federici kritisiert zu Recht darüber hinaus, dass dieser Blick auf »the common« die Frage nach der Reproduktion des alltäglichen Lebens vernachlässigt.

Das sei allerdings auch wahr für den Commons-Diskurs im Ganzen: Dieser drehe sich meist um die formalen Voraussetzungen von Commons, weniger um die materiellen Anforderungen für die Konstruktion einer commonsbasierten Ökonomie, welche es uns ermöglichen könnte, der Abhängigkeit von Lohnarbeit und der Unterordnung unter kapitalistische Verhältnisse zu entgehen.

Denn obwohl einerseits das Konzept der Commons sehr wohl passfähig für die Marktwirtschaft gemacht werden könne, berge es anderseits das Potenzial für eine neue Produktionsweise. Allerdings habe die Linke es bislang versäumt, die Frage danach zu stellen, wie all diese Kämpfe oder Entwicklungen von Commons zusammenkommen können, damit sie ein zusammenhängendes Ganzes und die Basis für eine neue Produktionsweise bilden.

Prinzipien einer »Ecommony«

Dabei existiert dies bereits. Im Nachklang meines Buches »Halbinseln gegen den Strom - Anders leben und wirtschaften« (2009) über Ansätze alternativen Wirtschaftens im deutschsprachigen Raum wurde mir deutlich, dass die jüngeren Beispiele, welche zusammengenommen fast alle ökonomischen Bereiche umfassen, auf eben diesen Prinzipien einer commonsbasierten »Peer«-Produktion (also der Produktion unter Ebenbürtigen) beruhen, wie sie bereits für die freie Software formuliert worden sind und beispielsweise von Christian Siefkes als »Peerökonomie« auch gesamtgesellschaftlich gedacht werden. Eben dieses möchte ich mit dem Begriff »Ecommony« hierfür ausdrücken.

»Besitz statt Eigentum« lautet das erste dieser Prinzipien: Bei Commons zählt nicht abstraktes Eigentum, sondern wer was tatsächlich braucht und gebraucht. Dies kann sich wie bei den Allmenden auf Land beziehen, aber auch auf Häuser (wie noch bis letztes Jahr in Kuba üblich) und Gegenstände. Beispiele hierfür sowie eine ausführlichere Darstellung dieser Grundsätze finden sich an anderer Stelle. (2)

Hier seien nur ganz kurz die weiteren, ineinander übergehenden Aspekte genannt: »Teile, was du kannst« kann sich neben Dingen auch auf Fähigkeiten beziehen - was wiederum als »Beitragen statt Tauschen« gefasst werden kann, aber letztlich alle Tätigkeiten umfasst: Statt die eigenen Fähigkeiten vermarkten zu müssen, wird aus einem Bedürfnis heraus gehandelt. All dies ist verbunden mit geregeltem, offenem Zugang zu Ressourcen.

Diese Prinzipien gelten genauso für die produktiven wie die reproduktiven Tätigkeiten. Das ist entscheidend, denn nur so wird das ansonsten auch in alternativen Ansätzen bestehende Dilemma aufgehoben, letztere entweder zu privatisieren oder aber durch Einbeziehung in die bewertete Arbeitszeit Rationalisierungsdruck und Entfremdung auszusetzen.

Häufig hebt sich diese Trennung sogar auf, wie David vom Karlshof in einem Interview betonte: »Die Bereitstellung von Lebensmitteln - ist das produktiv oder reproduktiv? Die Reparaturen an den Gebäuden - produktiv oder reproduktiv? Die Grenze verschwimmt in dem Moment, wo du nicht als Marktsubjekt auftrittst und die Sachen nicht nach außen verkaufst.«

Allerdings: Im vergangenen Jahr interviewte ich für eine Studie Menschen aus Projekten, die auf Tätigkeiten im Reproduktionsbereich spezialisiert sind, konkret auf die Versorgung mit Lebensmitteln sowie in den Bereichen Kinderbetreuung und medizinische Versorgung. Ergebnis: Äußerst spannende nichtkommerzielle Strukturen sind auch hier im Entstehen, und darin liegt erhebliches Potenzial für eine andere Gesellschaft.

Gleichzeitig aber ist es kein Zufall, dass das Prinzip »Beitragen statt Tauschen« gerade bei den klassischen Reproduktionsarbeiten im gegenwärtigen System an seine Grenzen kommt: Ab und an Brot backen oder einmal in der Woche für ein Kind zum »Großpapa« zu werden, ist das eine. Wenn die »arbeitsintensivste Aufgabe auf Erden« aber umfasst, alltäglich ein Kind morgens zur Schule zu bringen, weil die Eltern erwerbsarbeiten müssen, dann ist dies kaum intrinsisch motiviert zu vollbringen.

Darum: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt darf der Staat gerade im Bereich »care work« nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Aber als politische Bewegung, die eine Transformation der Arbeits- und Lebensverhältnisse anstrebt, dürfen wir uns auch nicht darauf ausruhen: Wenn staatliche Versorgung unsere Perspektive einer Revolution ist, wird es auch nicht darüber hinausgehen.

Wenn wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der wir uns als Menschen jenseits von privater Isolation, von staatlichen Vorgaben und von marktwirtschaftlichen Anforderungen verwirklichen wollen, müssen wir auch hier ansetzen. Ein letztes Mal sei Silvia Federici zitiert: »der gegenwärtige Zeitpunkt ist vielversprechend für ein solches Projekt«.

Friederike Habermann stellte wie Gabriele Winker ihren Ansatz auf dem BUKO 34 in Erfurt vor.

Anmerkungen:

1) Online unter www.commoner.org.uk.

2) Vgl. u.a. mein Paper »Solidarität wär' eine prima Alternative« unter www.rosalux.de.