Kämpfe um Zeit

Zur Debatte um die 4-in-1-Perspektive in der LINKEN und die gesellschaftspolitische Dimension eines neuen Zeitregimes.

31.05.2012
Heft 6 der fds-Schriftenreihe

Einleitung

„Gute Arbeit überwindet die großen Teilungen der Arbeit in Männer- und Frauenarbeit, in Stadt und Land, in Kopf und Hand und in Arbeit und Nichtarbeit. Gerechtigkeit setzt also an bei der Arbeitsteilung. Kapitalismus gedieh auf der Verknotung der vier großen Teilungen der Arbeit und benötigt zu seiner Überwindung die Auflösung dieses Zusammenwirkens. Darauf zielt die Vier-in-Einem-Perspektive. Unter dem Aufbruch ins Leben im Vier-Viertel-Takt verstehen wir: ein Viertel Erwerbsarbeit, ein Viertel Reproduktionsarbeit, ein Viertel für Muße, Kunst und Kultur und um das Ganze komplett zu machen ein Viertel Politik.“

Auf dem Erfurter Programmparteitag lag den Delegierten eine alternative Präambel zum Parteiprogramm zur Abstimmung vor, die »Feministische Eröffnung. Die Politik der LINKEN – Politik um Zeit«. In diesem Text, den wir im vorliegenden Heft dokumentieren, wurde nichts weniger als ein Transformationsprojekt der LINKEN umschrieben. Ein politisches Projekt also, das in der heutigen Gesellschaft beginnt, jedoch geeignet ist, weit über die heutige Gesellschaft hinauszureichen und Kristallisationspunkt demokratisch-sozialistischer Transformation zu sein.

Ausgehend von einer radikalen Arbeitszeitverkürzung wird die Perspektive in der Verknüpfung der vier Bereiche Arbeit, Reproduktion, Kulturelles und Politik gesehen. Darin, so formulierten es die Antragsteller/-innen, läge die Antwort auf eine Jahrtausende währende Geschichte von Frauenunterdrückung, Herrschaft über Arbeit und Verfügung über andere. Sie ist vor allem Politik um Zeit.

Auch wenn die Feministische Eröffnung letztlich keine Mehrheit auf dem Programmparteitag fand, liegt es doch auf der Hand, dass die Zukunftsfähigkeit eines solchen auf Transformation angelegten Projektes nicht durch Mehrheitsentscheidung selbst auf einem Bundesparteitag entschieden wird.

So überrascht es nicht, dass die Debatte um die Politik um Zeit weitergeht. Zu dieser Debatte möchten wir als »forum demokratischer sozialismus« mit der vorliegenden Ausgabe der Schriftenreihe beitragen. Durch die Dokumentation von Originalbeiträgen soll ein besseres Verständnis davon, was mit der Politik um Zeit verbunden wäre, verbessert werden. Dazu dienen der dankenswerterweise von Frigga Haug überlassene Einleitungsbeitrag dieses Heftes „Die Vier-in-Einem-Perspektive als Leitfaden für Politik“ und das von der Zeitschrift „LUXEMBURG“ freundlicherweise zur Verfügung gestellte Interview mit Frigga Haug zur Vier-in-Einem-Perspektive als politischem Kompass.

So wie die Zahl der Autor/-innen zur Vier-in-Einem-Perspektive noch überschaubar ist, sind auch die schriftlich dokumentierten Kritiken an diesem Konzept noch nicht zahlreich. Dokumentiert sind deshalb sowohl das Minderheitenvotum des Frauenplenums der LINKEN zur „Feministischen Eröffnung“ als auch die Kritik am Vier-in-Einem-Konzept von Ida Schillen nebst Antwort von Frigga Haug und Pamela Strutz dazu. Aber möglicherweise auch die Überlegungen von Kathi Weeks, in deutscher Sprache erstmals in den „grundrissen“ erschienen und von deren Redaktion kollegialerweise überlassen.

Im Vorfeld der Erstellung dieses Heftes der Schriftenreihe betonten Mitglieder des »forum demokratischer sozialismus«, dass sie Kritik sowohl am Vier-in-Einem-Konzept als auch an der Schillen-Kritik daran haben. Den Rahmen für einen Austausch darüber möchte das »forum demokratischer sozialismus« im Rahmen eines Workshops leisten und dessen Ergebnisse wiederum dokumentieren.

Der Bundesvorstand des »forum demokratischer sozialismus« (fds) innerhalb der Partei DIE LINKE. legt hiermit das sechste Heft der fds-Schriftenreihe vor. Die Schriftenreihe dient der politischen Bildungsarbeit in der gesamten Partei und der theoretischen Fundierung der Arbeit des fds.

Wir wünschen eine interessante Lektüre - Die Herausgeber/-innen

Download-Dokumente: