Zum 10. Todestag von Pedrag Vranicki

20.02.2012
Dr. Andreas Diers, Bremen

Im Januar 2012 jährten sich sowohl der 90. Geburtstag als auch der 10. Todestag von Predrag Vranicki, der insbesondere durch seine in zwei Bänden bei Suhrkamp >Geschichte des Marxismus< (Zagreb 1961, deutsche Übersetzung Frankfurt am Main 1972, erweiterte Auflage 1983) in Deutschland bekannt wurde.

Bis heute ist die Schrift eins der bedeutendsten Standardwerke zur Theoriegeschichte des Marxismus. Mit dem 1985 ebenfalls bei Suhrkamp erschienen Buch >Marxismus und Sozialismus< (Frankfurt am Main 1985) sowie zahlreichen kleineren Schriften Vranickis ist es vor allem von undogmatischen sozialistischen und kommunistischen Linken in der „alten“ BRD stark beachtet und rezipiert worden.

Predrag Vranicki wurde am 21. Januar 1922 in Benkovac, Jugoslawien/Kroatien geboren worden, er starb am 22. Januar 2002. Das Studium der Philosophie absolvierte er in Zagreb und promovierte anschließend an der Universität Belgrad. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er auf der Seite der Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens.

Nach dem Krieg war er ab 1947 Assistent, wurde 1952 Dozent und 1956 zum Professor der Philosophie wiederum an der Universität Zagreb berufen. Von 1966 bis 1968 war er Vorsitzender der Jugoslawischen Gesellschaft für Philosophie. 1973 wurde er Mitglied der Jugoslawischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Vranicki gehörte zur Redaktion der 1965 gegründeten kritischen Zeitschrift >Praxis<, die bereits 1975 verboten wurde. Legendär wurde die Praxis-Gruppe nicht zuletzt über ihre Sommerschulen auf Korcula, die von 1963 bis 1974 stattfanden, an denen Vranicki einen wesentlichen Anteil hatte.

Wie die Praxis-Gruppe insgesamt vertrat Vranicki einen gegenüber der marxistisch-leninistischen Orthodoxie eigenständigen und undogmatischen Marxismus, der seinen Ausdruck insbesondere im Selbstverwaltungssozialismus fand. "In welchem Maße eine Gesellschaft sozialistisch ist, ist bestimmt durchdas Maß an Selbstverwaltung, das sie zuläßt", formulierte er dementsprechend programmatisch in >Marxismus und Sozialismus<.

Sein Werk >Geschichte des Marxismus< repräsentiert sowohl seine These der möglichen Vielfalt marxistischer Philosophien und als auch seine Kritik vor allem der stalinistischen Konzeption des Marxismus.

Kritisch rezipiert kann das umfangreiche wissenschaftliche und politische Oeuvre von Predrag Vranicki auch der heutigen Linken wichtige Erkenntnisse und kreative Denkanstöße sowohl für eine Geschichte und Theoriegeschichte des Wissenschaftlichen Sozialismus als auch für eine zeitgemäße Konzeption des Sozialismus geben.

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Anm. der Redaktion: Eine auch kritischer Rückblick auf die Praxis-Gruppe erschien 2005 in der "Jungle World" von Boris Kanzleiter: "Das Praxis-Experiment", in: Jungle World Nr. 4, 26. Januar 2005