In Gedenken an Lisa Abendroth

15.02.2012
Dr. Andreas Diers, Bremen

Am 4. Februar ist Lisa Abendroth, Historikerin und demokratische Sozialistin sowie Witwe von Wolfgang Abendroth – kurz vor ihrem 95. Geburtstag in Frankfurt am Main gestorben.

Wer den Lebensweg von Wolfgang Abendroth sowie dessen wissenschaftliches und politisches Werk in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg tatsächlich erfassen will, kommt nicht umhin, den bedeutenden Einfluss von Lisa Abendroth angemessen zu würdigen.

Lisa Abendroth war promovierte Historikerin, die zu keiner Zeit, verborgen im großen Schatten ihres Mannes lebte, sondern die an dessen Seite und in wissenschaftlich wie politisch eigenem Handeln das Denken und Handeln von Wolfgang Abendroth prägte und in diesem Ausmaß ermöglichte. Sie hat einen bedeutenden Abschnitt linker Geschichte in diesem Lebenszusammenhang mitgestaltet – wie der Sozialist Heiner Halberstadt, ein guter Freund der Familie Abendroth aus Frankfurt am Main, in einem Lebensbild Lisa Abendroths zu Recht feststellte .

Lisa und Wolfgang Abendroth lernten sich 1942 kennen und lebten nach ihrer Heirat im Jahr 1946 ständig zusammen. Seitdem wurde jede politische Handlung, Aktion und Publikation Wolfgang Abendroths intensiv zwischen den beiden linksintellektuellen Partnern diskutiert. Zeitweise war Lisa Abendroth seine einzige, in jedem Fall aber in all diesen Jahren Wolfgang Abendroths wichtigste und kritischste Gesprächs- und Diskussionspartnerin.

Lisa Abendroth wurde am 27. Februar 1917 als zweite Tochter des Bremer Volksschullehrerehepaars Theodor und Margarete Hörmeyer geboren. Ihr Vater, so berichtete sie, sei überhaupt nicht bereit gewesen, irgendeine Obrigkeit per se anzuerkennen. Als bildungshungriger, begabter Sohn einer westfälischen Kleinbauernfamilie, die kaum über Geld verfügte, konnte er lediglich Lehrer werden. Was ihn sein Leben lang auszeichnete, erinnerte sich Lisa Abendroth, war seine abgrundtiefe Abneigung gegen alles Militärische und jegliche Uniformen, gepaart mit einer offenen und toleranten Lebensart. Diese Haltung übertrug er auf seine Tochter Lisa. Deren Mutter sei dagegen strenger und zurückhaltender gewesen. KommunistInnen und SozialdemokratInnen habe es in der Familie nicht gegeben, erzählte Lisa Abendroth. Zwar wurde die Novemberrevolutionszeit 1918 und 1919 sowie die Bürgerkriegssituation in Bremen mit ihren sehr langen Nachwirkungen ebenso bewusst wahrgenommen, wie die massive Arbeitslosigkeit Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre, doch erfuhren diese frühen Erlebnisse erst Jahre danach Reflexion und Deutung. "Ich musste und wollte vor allem immer eine gute Schülerin sein" sagte sie. "Nicht zuletzt, um einen Gebührenerlass zu erhalten; denn meine Eltern konnten aus ihrem schmalen Haushalt das nicht unbeträchtliche Schulgeld nicht aufbringen." – begründete sie diese damalige Einstellung.
Lisa Abendroth war in ihrem Elternhaus von vielen Büchern umgeben, die ihren Lesehunger weckten und befriedigten. Kinderbücher habe es keine gegeben; dagegen schöngeistige und viel Geschichtsliteratur – erinnerte sie sich. Letztere fanden Lisa Abendroths besonderes Interesse. Zehn Jahre lang besuchte sie in Bremen das Lyzeum mit Studienanstalt. Es sei nicht einfach gewesen, sich dort als Tochter eines Volksschullehrers zu behaupten; denn die anderen Schülerinnen entstammten den oberen Klassen des Bremer Bürgertums. Die Mutter setzte sich mit Unterstützung des Vaters stets für ein Studium der drei Töchter ein.

Als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernahmen, seien die Eltern entsetzt gewesen. Der Vater über den hochbrandenden Militarismus, die Mutter über die ausbrechende allgegenwärtige Gewalttätigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Lisa Abendroth bereits die, den Faschismus ideologisch rechtfertigenden, Schriften von Alfred Rosenberg ("Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts") und von Gottfried Feder ("Brechung der Zinsknechtschaft") gelesen und sich kritisch mit diesen Werken auseinandergesetzt. Gleichwohl riet sie – wie sie später offen bekannte – ihrem Vater in die NSDAP einzutreten, weil sie sonst die für das Studium notwendigen Stipendien nicht erhalten hätte. Aber sie erinnert sich auch, geweint und welche Abscheu sie empfunden habe, als sie die Uniform des „Bund Deutscher Mädchen“ (BDM) anziehen musste.

Ihr ursprünglicher Wunsch, Rechtswissenschaft zu studieren, wurde durch die Ausbildungsbedingungen des NS-Staats für Frauen faktisch unmöglich gemacht. So entschied sie sich für ein Studium als Deutschlehrerin. Zuvor war jedoch der Reichsarbeitsdienst zu absolvieren, der sie ins norddeutsche Moor führte. Es sei eine schreckliche Zeit gewesen, erinnerte sich Lisa Abendroth an die gebündelte ideologische und militarisierte Dummheit, der sie dort begegnete.
Während des Studiums an der Universität in Marburg erlebte sie als 21-Jährige die "Reichs-Progromnacht". Dieses grauenvolle Erlebnis und die Erinnerung an das Ducken und Schweigen ringsum, hätten sich tief in ihr festgesetzt. Im Marburger Studentenwohnheim "Bettina" schloss sie Freundschaft mit einer Studentin aus Frankfurt am Main, die einer sozialdemokratischen Familie entstammte und vor 1933 in ihrer Heimatstadt u.a. zusammen mit Emil Carlebach und Walter Hesselbach Mitglied im Sozialistischen Schülerbund gewesen war.
In den Berichten dieser Freundin nahm insbesondere ein „Instruktor“, Wolfgang Abendroth, dieser Organisation, Raum ein, der den Mitgliedern politische Theorie beigebracht habe. Imme wenn sie etwas nicht richtig gewusst hätten, dann habe die Freundin gestöhnt und gesagt: „Ach, wenn der Wolf doch hier wäre, der wüsste das natürlich!“, berichtete Lisa Abendroth, die neugierig auf diesen "Dr. Allwissend" (L. Abendroth) wurde.
Der „Instruktor“ saß zu diesem Zeitpunkt 1941, der Krieg ging ins dritte Jahr, jedoch bereits vier Jahre im Zuchthaus, verurteilt wegen "Hochverrat".

Zu dieser Zeit habe, so Lisa Abendroth, bei ihr schon ein antifaschistischer Mentalitätswandel stattgefunden. Gefördert durch ein intensives Philosophiestudium und die innere Auflehnung gegen die, wie sie sagte, Mehrzahl der Deutschen, die die Erfolge der Hitler'schen "Blitzkriege" wie betrunken gefeiert hätten. Je verrückter und siegesfanatischer ihre Umwelt wurde, desto pazifistischer sei sie geworden, erinnerte sich Lisa Abendroth. Außerdem habe sie aus ihrem Geschichtsstudium die Erkenntnis gewonnen, dass derartige Eroberungskriege am Ende immer gescheitert seien. Die Niederlage der deutschen Wehrmacht in der Schlacht um Stalingrad habe sie darin bestätigt.
Hinzu kamen alltägliche Erlebnisse, wie das Gespräch mit einem harmlos wirkenden Studenten, der ungerührt berichtet habe, sich als Soldat daran beteiligt zu haben, schwangeren Jüdinnen auf den Bauch zu treten und diese unmenschliche Handlung als "Bunkerknacken" bezeichnet zu haben.
Gleichzeitig registrierte Lisa Abendroth die Angst der wenigen Andersdenkenden ringsum – ebenso wie bei sich selbst –, darauf entsprechend zu reagieren.
Damals habe sie sich geschworen: "Wenn das vorbei ist, werde ich nie wieder schweigen und nie Unrecht dulden, egal welcher Art". Ihr Lebensweg nach dem Kriege ist beredtes Zeugnis für die Ernsthaftigkeit dieses Vorsatzes. Dass sie nie mehr etwas hinnahm oder tat, was ihrer humanistischen Grundüberzeugung entgegenstand, galt ebenso während der durch Disziplinierung und Parteischikane geprägten Jahre 1946 bis 1948 mit Wolfgang Abendroth in der Sowjetischen Besatzungszone und "das galt auch für meine Position in der SPD", wie sie einmal sagte.

Biographisch muss jedoch in das Jahr 1942 zurückgekehrt werden, als sie in Marburg erstmals "Dr. Allwissend" begegnete. "Ich war überrascht", sagte Lisa Abendroth zum Freund der Familie, Heiner Halberstadt, auf diesen Tag angesprochen. "Er ist ja in der Gestapohaft schrecklich misshandelt worden. Aber darüber sprach er nicht. Ich wusste das nur von anderen. Ich dachte also und war dabei sehr befangen, da begegnet dir nun ein völlig verhärmter Mann. War aber nicht so. Ich erlebte einen durch und durch heiteren Menschen (…) Und es ging dann sehr schnell mit uns. (…) Er hat aber trotz der starken Bindung, die zwischen uns wuchs, nicht versucht, mich sozialistisch zu bilden oder auch sonst zu instruieren. Das war klug. Denn wenn sie ihn bei der weiteren illegalen Arbeit (in Berlin) gefasst hätten, hätte ich im Verhör nichts Geheimes über ihn sagen können".
Wolfgang Abendroth habe ihr bald darauf vorgeschlagen zu heiraten, wozu es jedoch nicht kam. Obwohl Wolfgang Abendroth "wehrunwürdig" war, wurde er von einem Tag auf den anderen eingezogen. Die Wehrmacht benötigte bereits 1943 alles nur erreichbare "wehrfähige Menschenmaterial". Als ehemaliger politischer Gefangener wurde W. Abendroth in die Strafkompagnie 999 eingezogen und in die östliche Ägäis abkommandiert.
Der Kontakt zwischen ihm und Lisa Abendroth lief fortan nur noch über Feldpostbriefe, die alle von der Zensur geöffnet wurden. "Seltsame Liebesbriefe waren das", sagte sie zu Heiner Halberstadt. "Er schrieb, ich solle Hegel lesen und ich fragte ihn, was man von Carl Schmitt (einem den Faschisten nahestehendem Staatsrechtlehrer) halten soll? Mein Vater fragte mich: Willst Du noch immer diesen Mann heiraten? Wer solche Briefe verfasse, der könne doch unmöglich eine Frau lieben."
Während dessen hatte W. Abendroth an seinem Einsatzort, der Insel Lemnos, mit den ELAS-Partisanen des griechischen antifaschistischen Widerstands Kontakt aufgenommen und desertierte, als die Wehrmacht Lemnos vor den anrückenden Engländern räumte. Einen chiffrierten Brief erhielt Lisa Abendroth noch von ihm und wusste Bescheid. Dann hörte sie freilich 14 Monate nichts mehr von ihm. Erst im Jahr 1946 gelang es mit Hilfe von Jenny Lee, der Frau des linken Labour-Ministers Bevin, Wolfgang Abendroth aus einem Kriegsgefangenenlager in Ägypten, über die Zwischenstation in einem „Umerziehungslager“ in Großbritannien, herauszuholen.
Nach der Rückkehr nach Marburg heirateten Lisa und Wolfgang Abendroth. Um als Volljurist tätig zu werden, wollte W. Abendroth unbedingt das Assessor- Examen nachholen, zu dem die Nazis ihn nicht mehr zugelassen hatten.
Weil der damalige hessische sozialdemokratische Justizminister und spätere Ministerpräsident Georg August Zinn zu W. Abendroth sagte, dass es in den Westzonen noch keine Prüfungskommissionen gäbe, in der SBZ hingegen schon, wechselte das Paar nach Osten. Dort übertrug man W. Abendroth, unter Verzicht auf die erwartete Prüfung, bedeutende Funktionen in der neuen Justizverwaltung. Bald wurde er Hochschullehrer für Staats- und Völkerrecht in Leipzig und Jena. In die SED einzutreten hingegen weigerte er sich. Wolfgang Abendroth war bereits während seiner Kriegsgefangenschaft in Großbritannien nach Diskussionen mit seinem damaligen sozialdemokratischen Freund Richard Löwenthal in die SPD eingetreten. Da in der SBZ, nach der Vereinigung von SPD und KPD zur SED, die Mitgliedschaft in der SPD illegal war, nahmen die Repressionen gegen das Ehepaar Abendroth spürbar zu. Lisa Abendrot haderte bereits länger mit den immer stärker werdenden politischen Bedrängnissen, die auf sie einwirkten, um ihn politisch gefügig zu machen. Als es persönlich für sie offensichtlich zu gefährlich wird, flohen die Abendroths Ende des Jahres 1948 in die westlichen Besatzungszonen. Dort kommen nach Elisabeth, die schon in der SBZ geboren wurde, die Kinder Bärbel und Ulrich auf die Welt.

Nach Übersiedlung in die westlichen Besatzungszonen und Gründung der beiden deutschen Staaten 1949, wurde W. Abendroth zunächst Rektor an der gewerkschaftlich orientierten Reformhochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshafen/Rüstersiel. An dieser Hochschule unterrichtete auch Lisa Abendroth einige Zeit lang. Anschließend wurde Wolfgang Abendroth zum Professor für „Wissenschaftliche Politik“ an der Universität Marburg berufen, weil die eigentlich von ihm angestrebte Professur im juristischen Bereich angesichts der restaurativen und reaktionären Entwicklungen der Rechtswissenschaften in der damaligen BRD schon nicht mehr möglich war.
W. Abendroth nahm von Marburg aus mehr und mehr die Rolle des politischen Kopfes der demokratischen Sozialisten in Westdeutschland ein. In allen gesellschaftspolitisch entscheidenden Entwicklungsphasen der BRD – wie zum Beispiel Wiederbewaffnung, Betriebsverfassungsgesetz, Notstandgesetzgebung, "Kampf dem Atomtod", Ausschluss des sich immer weiter kritisch nach links entwickelnden „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (SDS) aus der SPD und vielem anderen – war er mit fundierter Argumentationshilfe und überzeugendem persönlichen Engagement zur Stelle und überall in der alten Bundesrepublik als Referent gefragt – auch nach seiner Emeritierung und dem Umzug der Familie nach Frankfurt am Main. Lisa Abendroth hatte sich nach ihren Aussagen gewünscht, es wäre etwas weniger davon gewesen. Sie hatte vielmehr vor, gemeinsam mit ihm über die Geschichte des antifaschistischen Widerstands und über die Geschichte der Bundesrepublik zu publizieren. "Wenn ich nunmehr ein Buch über ihn schreiben würde, dann hieße der Titel: "Der Mann, der nicht Nein sagen konnte - wenn die Linke ihn rief.“ Jedoch, sagte sie zu Heiner Halberstadt, seine politische Gradlinigkeit und Überzeugungskraft seien einfach unabweisbar gewesen. Und sie habe stets ihr eigenes Denken, Handeln und Empfinden in den wesentlichen Zügen und Momenten mit ihm vereinen können, ohne sich vereinnahmt zu fühlen. "Ich habe nichts zu bereuen" sagt sie weiterhin. "Ich könnte dasselbe Leben, wenn's denn so käme, noch einmal mit ihm leben."
Wolfgang Abendroth starb 1985 im Alter von 79 Jahren. Lisa Abendroth lebte seitdem in einem Appartement eines Seniorenheimes in Frankfurt am Main. Sie hatte nach seinem Tod sinnvoller Weise veranlasst, dass der allergrößte Teil des umfangreichen Nachlasses von Wolfgang Abendroth dem Archiv des „Internationalen Instituts für Sozialgeschichte“ in Amsterdam übergeben wird, wo dieser Nachlass seitdem der Forschung ohne Einschränkungen zur Verfügung steht. Und Lisa Abendroth hat auch selber wo sie nur konnte und sehr solidarisch, aber dabei auch durchaus kritisch, die Forschungen über Leben und Werk ihres verstorbenen Mannes sowie die Herausgabe seiner „Gesammelten Schriften“ durch einen Herausgeberkreis um Michael Buckmiller unterstützt. Dabei hat sich Lisa Abendroth stets sehr energisch sowie konsequent gegen eine einseitige und gegen jeden Versuch einer ihrer Meinung nach politisch falschen Vereinnahmung Wolfgang Abendroths gewandt. Sie hat sich zudem auch persönlich an den zahlreichen „Wolfgang Abendroth Foren“ beteiligt.
In den letzten Jahren nahm sie einige ehrenamtliche Funktionen in der SPD wahr. Wenn sie auf Parteitagen auftrat, war stets die Aufmerksamkeit der Delegierten intensiv auf sie gerichtet. Sie hat es nie an scharfer Kritik ermangeln lassen, vor allem am Kurs der Sozialdemokratie hin zur rechten Mitte.
2002 jedoch beendete sie schließlich ihre SPD-Mitgliedschaft. In einem 5-seitigen Brief begründete sie ihre Entscheidung. Sie zählte darin die Entscheidungen auf, bei denen ihrer Meinung nach die SPD ihre historische und gesellschaftspolitische linke Identität aufgegeben habe. Das beginnt nicht erst beim „Godesberger Programm“ und endete auch nicht bei der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder. Lisa Abendroth erinnerte sich in diesem Zusammenhang auch an folgendes: „Wolf sagte gelegentlich zu mir und anderen, aus der SPD sollte man nicht von sich aus austreten…Mitgliedschaft in der SPD“ meinte Wolf, „ endet durch Ausschluss wegen einer von den Führungsorganen erklärten Unvereinbarkeit sozialistischer Positionen mit und in dieser Partei“. Wolfgang Abendroth ist ja selber trotz aller der von ihm heftig kritisierten politischen Entwicklungen und Entscheidungen der SPD nach dem 2. Weltkrieg ganz bewusst nicht aus dieser Partei ausgetreten, sondern wurde vielmehr zusammen mit so bekannten Persönlichkeiten wie Helmuth Gollwitzer, Oskar Negt, Jürgen Seifert, Heinrich Hannover, Walter Fabian, Heinz Heydorn, Helga Einsele und vielen anderen im Jahr 1962 aus der SPD wegen ihrer Unterstützung des SDS ausgeschlossen. „Doch nun verlasse ich aus eigener Entscheidung die SPD“ sagte Lisa Abendroth. Und - „ ich weiß nicht, ob Wolf das billigen würde.“ „Doch, Lisa“ sagte ihr daraufhin Heiner Halberstadt. „Soeben habe ich gesehen, er hat genickt…“.
Als Antwort auf ihren Brief, mit dem Lisa Abendroth ihren Austritt ausführlich und detailliert begründete, erhielt sie lediglich ein Schreiben, in dem der damalige Frankfurter SPD-Vorsitzende Franz Frey, ohne auch nur mit einem Satz auf ihre Begründungen einzugehen, nur pauschal sein Bedauern über ihre Entscheidung zum Ausdruck brachte. Außerdem war ein SPD-Beitrittsformular beigefügt...

Die bundesdeutsche Linke verliert mit Lisa Abendroth eine demokratische Sozialistin und bedeutende Zeitzeugin.

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Fußnoten
1) Die umfangreiche biographische Skizze von Heiner Halberstadt ist Grundlage der folgenden Ausführungen. Sie ist unter http://jaspis.han-solo.net/halberstadt/data/File/biografien/Lisa_Abendroth.pdf im Internet zu finden.
2) Die „Gesammelten Schriften“ erscheinen im Offizin-Verlag, Hannover. Bereits erschienen: Buckmiller, Michael; Perels, Joachim; Schöler, Uli (Hrsg.): Wolfgang Abendroth. Gesammelte Schriften Bd. 1. 1926-1948. Hannover: Offizin Verlag 2006 und diess. (Hrsg.): Wolfgang Abendroth. Gesammelte Schriften Bd. 2. 1949-1955. Hannover: Offizin Verlag 2008. Das Erscheinen von Bd. 3 ist für Februar 2012 vorgesehen.
Vorgesehene Einteilung der Ausgabe
Band 4: 1963 - 1967
Band 5: 1968 - 1977
Band 6: 1978 - 1985
Band 7 und Band 8: Briefe

Die Herausgeber
-Michael Buckmiller, Prof. für Politische Wissenschaft an der Universität Hannover
-Joachim Perels, Prof. für Politische Wissenschaft an der Universität Hannover
-Uli Schöler, Privatdozent für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin