Reden wir über die Macht der Arbeiterklasse! Eine Reaktion auf Thesen von Andreas Wehr

15.11.2011
Olaf Michael Ostertag, Bundessprecher der Emanzipatorischen Linken

Vorbemerkung der fds-Online-Redaktion

Am 10. und 11. November erschien in der Tageszeitung "junge welt" ein Beitrag von Andreas Wehr zur Kritik des Erfurter Programms der Partei DIE LINKE. Der Erscheinungsort sprach in diesem Falle weder gegen den Autor noch gegen den Text, weshalb wir uns als fds für die Dokumentation dieser Programmkritik entschieden haben - gerade weil wir viele diese Ansichten und auch leichtfertige Zuschreibungen, wie z.B. das sich im fds der "rechte Flügel" organisieren würde, nicht teilen, aber meinen, dass gerade die Diskussion über diese Positionen ein Beitrag zur Fortentwicklung der LINKEN ist.

Nachfolgend dokumentieren wir einen Gastbeitrag von Olaf-Michael Ostertag (Emanzipatorische Linke, EmaLi), der auf www.lafontaines-linke.de erschienen ist. Ein weiterer Text von Ralf Krämer (Sozialistische Linke, SL), der sich mit den Positionen von Wehr auseinandersetzt, wird ebenfalls dokumentiert.

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Über die Emanzipatorische Linke werden zurzeit gerne Gerüchte verbreitet. Ein solches Gerücht besagt, dass wir Fragen der „Erwerbsarbeit, der gesellschaftlichen Verteilung und eine verbesserte staatliche Daseinsvorsorge“ als „überkommen, langweilig und für die Zukunft irrelevant“ abtäten. Wir stünden damit im Gegensatz zur Sozialistischen Linken, für die diese Themen im Mittelpunkt stehen.

Wenn das das Kriterium ist, dann besteht zwischen Sozialistischer und Emanzipatorischer Linker kein Unterschied: Wir sehen sehr wohl die zentrale Bedeutung der genannten Themen für die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Ebenso sind wir, mit Andreas Wehr, der Auffassung, dass DIE LINKE an der Seite der Arbeiterklasse zu stehen hat. Worüber die Meinungen allerdings horizontweit auseinandergehen, ist die Frage, wer heute die Arbeiterklasse ist, sprich: Wer ist das historische, das handlungsfähige Subjekt der Veränderung?

Von Wehr erfahren wir zunächst einmal, wer nicht dazugehört: „Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter sowie Selbständige“ und andere Angehörige des „klassischen Kleinbürgertums“. Angesichts der Aussagen im Kommunistischen Manifest „Sie (die Bourgeoisie) hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt“ und „Die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab, teils dadurch, daß ihr kleines Kapital für den Betrieb der großen Industrie nicht ausreicht und der Konkurrenz mit den größeren Kapitalisten erliegt, teils dadurch, daß ihre Geschicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwertet wird. So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung“, angesichts dieser Aussagen ist Wehrs Apodiktum „diesen Zwischenschichten (fehlen) generell Einsicht und Wille, für eine andere Gesellschaftsform, für den Sozialismus zu kämpfen“ sowohl ahistorisch als auch gegenwartsblind. Bei Marx und Engels war die Eingemeindung ins Proletariat umfassend, wenn man Wehr genau analysiert, bleibt fast überhaupt niemand mehr übrig.

Dabei stimmt folgender Satz heute wie damals: „Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt.“ Ebenso: „Und die Vereinigung, zu der die Bürger des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen Jahrhunderte bedurften, bringen die modernen Proletarier mit den Eisenbahnen in wenigen Jahren zustande“. Ich möchte hinzufügen: Die heutigen Proletarier mit dem Internet in wenigen Stunden. Diese Passagen aus dem Manifest von 1848 sind heute brandaktuell. Andreas Wehr allerdings wäre schon 1848 von vorvorgestern gewesen.

Zwar ist es richtig, dass innerhalb der heutigen Arbeiterklasse nicht nur deutliche Einkommens- und Prekarisierungsstufen, sondern auch deutliche Milieu- und Schichtenzugehörigkeiten festzustellen sind. Einerseits erfolgt also eine Angleichung in der Situation gegenüber dem Kapital, andererseits ist eine enorme Ausdifferenzierung hinsichtlich der sozialen Situationen, Einbindungen in und Ausgrenzungen aus gesellschaftlichen und Produktionsprozesse/n und sozialen Absicherungssysteme/n zu verzeichnen. Daher gibt es auch sehr unterschiedliche Wahrnehmungen der gesellschaftlichen Realität und unterschiedliche Strategien der Emanzipation und Selbstermächtigungen. Aber: Die Orientierung auf Interpretationen und Logiken des klassischen Industrieproletariats können heute absolut nich mehr greifen, weil ihr Gegenstand sich verflüchtigt hat. Wer sie zum Maßstab gesellschaftlicher Veränderungen nimmt, lässt den weitaus überwiegendenTeil der Lohnabhängigen außen vor und ist somit nicht in der Lage, diese anzusprechen.

Und das ist das Hauptproblem bei seiner Diskussion über die Rolle der Arbeiterklasse: Er kennt sie nicht. Die „Maschine“, die die Arbeiterklasse von heute täglich und stündlich knechtet, ist nicht die Fabrik, sondern der Computer. Dreher und Schweißer, Automechaniker und Stahlarbeiter, ja, selbst Bäcker und Bauern, sind heute Anwender und teils auch Entwickler von Computertechnologie. Der Computer hat viele Aufgaben auf eine Weise standardisiert und rationalisiert, dass der mit und an ihm Arbeitende jederzeit ersetzbar geworden ist. Aber ebenso ist wahr: Der Computer trägt im Keim Freiheitspotenziale, dazu unten mehr.

Wehr behauptet nun, das Charakteristikum der Arbeiterklasse sei das Machtmittel Streik. Die einzigen Berufsgruppen, die dieses Machtmittel heute noch einsetzen können, sind die als unverzichtbar geltenden: Piloten und Fluglotsen, Ärzte und Lokomotivführer. Diese gehören jedoch nach Wehr nicht zur Arbeiterklasse, da sie bürgerlich sind, ebenso wie die von ihnen unterhaltenen Spartengewerkschaften.

Natürlich findet auch heute noch Warenproduktion in klassischer Industrie statt, was wir an unserem täglichen Konsum ablesen können. Aber unser Warenkonsum wird zum überwiegenden Teil aus China und anderen entfernteren Ländern bedient; dort ist die klassische Arbeiterklasse, und hat auch nicht wirklich die Möglichkeit, das Machtmittel Streik einzusetzen. Stattdessen zeigen sich dort erschütternd hohe Suizidraten.

Und viele, die hierzulande die klassische Arbeiterklasse bilden würden, wäre sie nicht oft auf den Einsatz von Computertechnologie umgestellt, wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert worden, beziehen Transferleistungen. Hier zerrinnt das Machtmittel Streik, wie es schon Dietrich Kittner beschrieb: „Heute nehm’ ich meine Stütze nicht – Kampfmaßnahme!“ fällt als Drohung aus.

Da, wo Andreas Wehr die Arbeiterklasse vermutet, ist fast keine mehr. Die Arbeiterklasse von heute findet sich am Computer, also im Internet. Und anders als von Dietmar Dath behauptet, ist diese Klasse nicht bewusstseinslos, sondern bildet ihr Bewusstsein eben erst heraus – aber eben anders als sich Wehr und Dath es vielleicht wünschen. Gerade deshalb ist es so wichtig für DIE LINKE, Anschluss an die Diskurse „bei Grünen und Piraten“, besser stünde hier: bei Netzfreiheits- und Occupy-Bewegung, zu halten. Ja, ich gestehe: Ich will, dass DIE LINKE diskursfähig bleibt. Mit der Arbeiterklasse. Mit dem Proletariat. Denn das sind 99%. So sahen es auch Marx und Engels. Wie viel Prozent sieht Andreas Wehr? 10? 6? 2? Auf jeden Fall zu wenig.

Wer, wie Andreas Wehr, jegliche zivilisatorische Entwicklungspotenziale in der gegenwärtigen Gesellschaft leugnet, der ist nicht nur blind für den Effekt, dass die „virale“ Verbreitung von Informationen und Meinungen via Internet neue Verbindungen schafft, Kommunikationsnetzwerke, also Kooperationen der Menschen, durch die gerade ein neues Klassenbewusstsein entsteht, sondern der argumentiert vor allem antimarxistisch. Denn, wie Wehr eigentlich wissen müsste, kann sich eine neue Gesellschaftsordnung nur durchsetzen, wenn ihr Keim bereits im Schoße der alten angelegt war. Wenn also Wehr nirgendwo einen Keim sehen will, dann hat wohl er sich vom Ziel der Überwindung des Kapitalismus verabschiedet, nicht DIE LINKE, der er dies unterstellt. Auf Marx kann sich Wehr hier nicht mehr berufen, denn der war hellsichtig und wußte im Gegensatz zu Wehr, dass die Entwicklung der Maschinen, der Fortschritt der Technologie, der allgemeine Stand der Wissenschaft und deren Anwendung auf die Produktion und die Ausbreitung der immateriellen Arbeit genau diese Keime einer Gesellschaft jenseits kapitalistischer und jenseits jeglicher Verwertungsprozesse in sich tragen, nachzulesen in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie.

In diesem Zusammenhang müssen wir die wohl uns zugeschriebene Autorschaft des Satzes „Die Lohnabhängigen haben das gemeinsame Interesse, ihre Einkommen, Arbeitsbedingungen und ihre soziale Absicherung durch betriebliche, tarifliche und gesetzliche Regelungen zu verbessern und so die kapitalistische Herrschaft und Ausbeutung zu beschränken“, zurückweisen. Der Satz stammt von der Sozialistischen Linken, die Andreas Wehr offenbar zu loben beabsichtigt, wiewohl er einschränkt, dass deren Mitglieder „in der Regel nicht eine Systemüberwindung im Sinn haben“.

Diesen Vorwurf macht er als Rundumschlag natürlich der ganzen LINKEN, vor allem aber den „Rechten“ vom Forum Demokratischer Sozialismus und uns, der Emanzipatorischen Linken. Im Gegenteil trifft aber zu: Die Emanzipatorische LINKE hat die Systemüberwindung und nicht nur die Beschränkung der kapitalistischen Herrschaft im Sinn, allerdings aufgrund einer modernen Gesellschaftsanalyse und unter klarer Benennung und Einforderung des eigentlichen Ziels Marxscher Philosophie und revolutionärer Theorie, nämlich einer Gesellschaft, “worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller ist”. Dazu gehört sowohl die theoretische und praktisch-politische Kritik der entfremdeten Arbeit, die nach Marx die Ursache der Flucht aus der Erwerbsarbeit und nach kritischer Theorie die Ursache der Flucht des Proletariats in den Konsumismus ist. Ebenso gehört dazu die Anerkenntnis der Marxschen These vom wahren Reich der Freiheit, das jenseits auch weitgehend nicht entfremdeter und demokratisch organisierter notwendiger Produktion liegt und in dem die menschliche Kraftentwicklung stattfindet, “die sich als Selbstzweck gilt”. (Kapital, Bd. 3)

Wehrs Ablehnung von nahezu allem, was nach Marx fraglos zum Proletariat zu zählen ist, lässt uns fassungslos zurück. Es scheint hier ein vollkommen schrankenloser Chauvinismus auf: Wenn Wehr den Feminismus ablehnt, meint er eigentlich Frauen, wenn er Soziale Bewegungen ablehnt, meint er eigentlich Selbstbefähigung, wenn er Selbstverwirklichung außerhalb des Arbeitslebens als bloßes Gerede abtut, so drückt er seinen tief empfundenen Ekel vor frei und selbstbestimmt lebenden (und arbeitenden) Menschen aus. Es drängt sich der Schluss auf: Andreas Wehr will keine Verbündeten. Und er hat keine Verbündeten.

Dabei hat er in einem völlig Recht: Wollen wir den Sozialismus durchsetzen, dann müssen wir das Bündnis mit der Arbeiterklasse suchen. Aber mit der real existierenden, nicht mit einer von ihm halluzinierten.