Zum 75. Geburtstag von Nicos Poulantzas (1936-1979)

22.09.2011
Dr. Andreas Diers

1. Leben und Werk von Nicos Poulantzas

Am 30. September 2011 jährt sich zum 75. Mal der Geburtstag von Nicos Poulantzas. Obwohl Nicos Poulantzas sehr jung – gerade einmal nur 43-jährig – schon im Jahr 1979 durch einen Suizid gestorben ist, hinterließ er ein sehr anregendes umfangreiches politisches und wissenschaftliches Werk, über das immer noch, und seit einigen Jahres wieder verstärkt, heftig diskutiert und gestritten wird. Bekannt geworden ist Nicos Poulantzas in der Bundesrepublik Deutschland vor allem als ein bedeutender neo-marxistischer Denker über die Problematiken materialistischer Staatstheorie sowie als Theoretiker einer euro-kommunistischen Politik der ArbeiterInnenbewegung vor allem durch sein „Konzept der relativen Autonomie des Staates" sowie durch seine Auseinandersetzung mit dem britischen Marxisten Ralph Miliband (1924 - 1994), dem Vater des gegenwärtigen Vorsitzenden der Labour-Party Ed Milliband (1969) und dessen gleichfalls in der Labour-Party aktiven Bruders David Milliband (1965). Aber Nicos Poulantzas ist nicht lediglich ein Theoretiker gewesen, sondern er hat sich zugleich auch aktiv in mehreren politischen sowie gewerkschaftlichen Organisationen der sozialistischen Bewegung betätigt, wie der „Kommunistischen Partei Griechenlands“ (Inland), der „Confederation Francaise Démocratiue du Travail“ (CFDT), für deren Zeitungen und Zeitschriften er u.a. zahlreiche Artikel geschrieben hat. Dieses auch aktive politische Engagement reflektiert Nicos Poulantzas' Unterstützung des demokratischen Sozialismus und der radikal-demokratischen Positionen beispielsweise von Rosa Luxemburg (1871-1919), Antonio Gramsci (1891-1937) und der eurokommunistischen Bewegungen der damaligen Zeit. Nicht zuletzt wegen dieser seiner Bedeutung sowohl als demokratisch-sozialistischer Denker als auch als demokratisch-sozialistischer Politiker ist es für die Linke als gesellschaftlicher Bewegung und für DIE LINKE als politischer Partei sinnvoll, sich anlässlich dieses Jahrestages seines 75. Geburtstages an Nicos Poulantzas und sein Oeuvre zu erinnern.

COPYRIGHT 2008 Thomson Gale. ( Hide Copyright-Informationen Geboren in einer bekannten Familie in Griechenland, hat Poulantzas zunächst in den Jahren 1953 bis 1957 Rechtswissenschaften an der Universität von Athen studiert. Während seines Studiums ist Poulantzas in der Studierendenbewegung aktiv gewesen, außerdem wurde er Mitglied in der „Eniea Dimokratiki Aristera“ (Vereinigung der Demokratischen Linken), die als politischer Ersatz für die verbotene kommunistische Partei gegründet worden war.

Nach einem dreijährigen Militärdienst ist Poulantzas nach Frankreich gegangen, wo er im Jahr 1961 in Paris mit einer Arbeit über das Thema "Renaissance des Naturrechts in Deutschland" in Rechtsphilosophie promovierte. In Frankreich hat Nicos Poulantzas in den 60er Jahren seine zweite Heimat gefunden. Eigentlich hat er in München promovieren wollen, doch dort hat er damals noch ein sehr konservatives, für ihn wenig attraktives akademisches Milieu vorgefunden. Im Jahr 1964 hat Nicos Poulantzas anschließend auch in Frankreich habilitiert. Die Theorie des Marxismus hat Nicos Poulantzas vor allem über die Werke von Jean-Paul Sartre (1905-1980) kennengelernt, denn die „klassischen“ Werke des Marxismus sind in Griechenland während der Jahre der Militärdiktatur nur schwer zugänglich gewesen. Neben dem existentialistisch ausgerichteten Werk Jean-Paul Sartres sind in dieser Zeit besonders die Schriften von Lucien Goldmann (1913-1970) sowie von Georg Lukacs (1885-1971) für das Marxismusverständnis von Nicos Poulantzas wichtig gewesen, sein damaliges Verständnis der Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels ist durch sie zunächst noch stark beeinflusst worden. Allerdings hat Nicos Poulantzas nach und nach auch immer stärker die Grenzen seines theoretischen Verständnisses erkannt. Deshalb hat er sich den Theorien von Antonio Gramsci zugewandt. Er begann zu lehren, schrieb für die Zeitschrift „Les Temps Modernes“ und hat sich in Kreisen um Jean-Paul Sartre, Simone der Beauvoir (1908-1986) und Maurice Merleau-Ponty (1908-1961). Durch einen Artikel in „Les Temps Modernes“ ist Louis Althusser (1918-1990) auf Nicos Poulantzas aufmerksam geworden und es entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen den beiden. Zu dieser Zeit hat Nicos Poulantzas mit seinen eigentlichen staatstheoretischen Arbeiten begonnen, wobei er nun in seinen Überlegungen besonders von dem Werk Antonio Gramscis sowie der strukturalistischen Marxismusauffassung Louis Althussers beeinflusst worden ist.

Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und politischen Überzeugungen haben Nicos Poulantzas 1968 zu seinem Engagement in der damals existierenden eurokommunistischen griechischen Partei „KKE tou Esoterikoú“ (KP des Inlands), einer Abspaltung von der zu dieser Zeit sehr ´orthodox kommunistischen` und ´an Moskau orientierten` „Kommunistischen Partei Griechenlands“ (KKE), veranlasst, in deren Nachfolge heute in Griechenland der „Synaspismos“ steht. Nicos Poulantzas` theoretische Positionen haben sich schon in dieser Zeit offensichtlich zugleich auch in seinen politischen Affinitäten sowie in seinen unmittelbaren politischen Aktivitäten widergespiegelt. Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen sowie politischen Kritik ist dabei die Kritik an einem wie auch immer begründeten ökonomischen Determinismus für die historischen Entwicklungen gewesen, der zu dieser Zeit innerhalb der sozialistischen und kommunistischen Bewegung immer noch sehr weit verbreitet gewesen ist. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Kritik ist die durch seine grundsätzliche anti-stalinistischen Haltung begründete Kritik an dem damals bestehenden System des „Staatssozialismus“ und an den mit diesem mehr oder weniger eng verbundenen ´orthodox-kommunistischen` Parteien gewesen.

Das erste Werk von Nicos Poulantzas, das eine bedeutende Aufmerksamkeit erlangt hat, ist das im Mai 1968 in Frankreich veröffentlichte Buch„Political Power and Social Classes“ (Politische Macht und gesellschaftliche Klassen) gewesen. In diesem Werk hat er zum ersten Mal die Idee der ´relative Autonomie des Staates im Kapitalismus` formuliert. Diese Erkenntnis von Poulantzas besagt, dass der Staat im Kapitalismus in der Lage sein muss, gegebenenfalls auch gegen die individuellen und besonderen Interessen von Kapitalisten zu agieren, um in dem allgemeinen Interesse der kapitalistischen Klasse handeln zu können. Dieses impliziert nach Meinung von Nicos Poulantzas, dass der Staat nicht bloß auf die mehr oder weniger reine Reflexion der wirtschaftlichen Beziehungen oder Interessen der herrschenden Klassen reduziert werden könne, so wie es allgemein die ´orthodoxen` MarxistInnen oftmals getan haben. Im Gegensatz zu diesen ´orthodoxen` MarxistInnen argumentiert Poulantzas, dass der Staat im Kapitalismus den institutionellen Raum für verschiedene Fraktionen der kapitalistischen Klasse sowie anderer mächtiger Klassen biete, um ihrerseits zusammen langfristige Strategien und Allianzen zu bilden. Dadurch bilden diese Klassen das, was Poulantzas als den „Power-Block“ – den „Block an der Macht“ bezeichnet. Durch die damit zusammenhängende ´Isolationswirkung` werde vor allem die Arbeiterklasse desorganisiert und desorientiert.

Im Jahr 1969 sind in der Zeitschrift „New Left Review“ dann anschließend an das Werk „Politische Macht und gesellschaftliche Klassen“ mehrere kritische Artikel von Nicos Poulantzas zu dem Buch von Ralph Miliband The State in Capitalist Society“(Der Staat in der kapitalistischen Gesellschaft) erschienen, die gleichfalls große Aufmerksamkeit erlangt haben. Diese Kritiken sind die erste Etappe von dem gewesen, was anschließend und bis heute im wissenschaftlichen sowie im politischen Diskurs allgemein als die „Miliband-Poulantzas-Debatte“ bekannt geworden ist.

Diese Debatte hat sich (sehr allgemein formuliert) vor allem an der Problematik entzündet, ob die jeweilige klassenmäßige Orientierung des Staates entweder weitgehend davon abhängig ist, von welcher Klasse diejenigen Personen gekommen sind und welcher Klasse sie angehören, die die wesentlichen wichtigen Positionen innerhalb der staatlichen Institutionen innehaben (Miliband). oder ob die jeweilige klassenmäßige Orientierung des Staates jeweils ein Produkt seiner Strukturen und Funktionen ist (Poulantzas). Etwas vergröbert gesagt haben sich die MarxistInnen zu dieser Zeit weitgehend in zwei Lager geteilt: einerseits in diejenigen, die in der Denkweise von Ralph Miliband stehend als "Instrumentalisten" bezeichnet werden können – und andererseits in diejenigen MarxistInnen, die in der Denkweise von Nicos Poulantzas stehend als „Strukturalisten" bezeichnet werden können. Diese Debatte hat auf jeden Fall das wesentlich gestiegene und erneuerte Interesse von MarxistInnen an einer Theorie der Politik offenkundig gemacht, und vor allem hat diese Debatte mit den offenen Fragestellungen ein erhebliches Anwachsen der materialistischen Forschungen über die Staatstheorie seit Ende der 60er Jahre veranlasst.

Nach den Pariser Mai-Ereignissen im Jahr 1968 ist Nicos Poulantzas an die neugegründete Reformuniversität von Vincennes berufen worden, an der auch andere bekannte Persönlichkeiten wie Michel Foucault und Gilles Deleuze tätig gewesen sind. Dort lehrte und forschte Nicos Poulantzas im Bereich der Sozialwissenschaften. In den Jahren 1974 und 1975 lehrte Nicos Poulantzas als Gastprofessor an der Universität in Athen. Ebenfalls im Jahr 1974 hat er auch einen Ruf an die Universität Frankfurt erhalten. Diese Stelle nahm er zwar an und unterrichtete dort für einige Wochen im Sommersemester 1974. Auf Grund von offensichtlich unüberbrückbaren Verhandlungsschwierigkeiten mit dem zuständigen Ministerium hat Nicos Poulantzas die Stelle an der Universität in Frankfurt am Main jedoch sehr schnell wieder aufgegeben.

Während der Zeit seiner Dozententätigkeit ist im Jahr 1970 von Nicos Poulantzas die Untersuchung „Faschismus und Diktatur“ veröffentlicht worden. Dieses Werk ist vor allem eine empirische Fallstudie über seine theoretischen Erkenntnisse. Poulantzas hat in dieser Analyse besonders die klassenmäßigen Grundlagen des Faschismus untersucht. Er argumentiert, dass der faschistische Staat eine außergewöhnliche Form des kapitalistischen Staates sei. Der Faschismus ist seiner Ansicht nach weder unvermeidlich noch eine natürliche Phase in der Entwicklung des Kapitalismus. Der Faschismus sei vielmehr eine Art Reaktion auf eine Krise der Politik, die sich auch in Zukunft durchaus wiederholen könne. Ähnliche Argumentationen sind auch in der Studie von Poulantzas „Die Krise der Diktaturen: Spanien, Portugal, Griechenland“ aus dem Jahr 1975 zu finden. In dieser ersten materialistischen Analyse der Demokratisierung faschistischer Systeme argumentierte Nicos Poulantzas, dass der Übergang zur Demokratie in jedem dieser Länder vor allem das Ergebnis eines politischen Konflikts zwischen zwei wichtigen Fraktionen der kapitalistischen Klasse gewesen sei, einerseits der inländischen Bourgeoisie und andererseits der Kompradorenbourgeoisie.

In einer weiteren theoretischen Arbeit „Klassen im gegenwärtigen Kapitalismus“ hat Nicos Poulantzas im Jahr 1974 einen bedeutenden und anregenden Beitrag zur Theorie der Klassen geliefert, indem er gegen die traditionelle Vorstellung einerseits der Klasse "an sich" und andererseits der Klasse "für sich" argumentiert, so wie sie von zahlreichen SozialistInnen und KommunistInnen vertreten worden ist. Nach der in dieser Analyse vertretenen Ansicht von Nicos Poulantzas würden Klassen gar nicht außerhalb von Konflikt und Klassenkampf existieren. In dieser Untersuchung, einer der wohl ersten und grundlegenden materialistischen Analysen der Globalisierung, hat Nicos Poulantzas auch die politischen Folgen der wachsenden Transnationalisierung des Kapitals sowie das Wachstum des ´neuen` Kleinbürgertums und dessen Folgewirkungen behandelt.

In seinem letzten Werk „Staat, Power, Socialism” hat Nicos Poulantzas im Jahr 1978 unter anderem die Theorien von Michel Foucault (1926-1984) und von Giles Deleuze (1925-1995) kritisiert. Dabei vervollständigt und differenziert er zugleich auch seine eigenen früheren Theorien weiter. Nicos Poulantzas definiert den Staat hier jetzt als eine soziale Beziehung und argumentiert weiter, dass die Frage der relativen Autonomie des Staates im Kapitalismus eine Funktion des Klassenkampfes sei. Da der Staat eine jeweils spezifische materielle Verdichtung von jeweiligen Klassenverhältnissen zwischen Klassen sowie Klassenfraktionen sei, sei die relative Autonomie des Staates keine fixe Größe, sie sei vielmehr variabel und immer in Bewegung. Keine Klasse habe jemals die volle Kontrolle über den Staat im Kapitalismus, der Staat müsse immer auch die Interessen der beherrschten Klassen berücksichtigen. Der jeweilige Grad der relativen Autonomie des Staates sei somit eine historische Variable und würde sich im Zusammenhang mit dem Inhalt sowie der Intensität der politischen Kämpfe verändern.

Angesichts seiner Beiträge auf ganz wesentliche Fragen der politischen Strategie und Taktik der demokratischen sowie der sozialistischen Bewegung und seine Unterstützung für einen demokratischen Übergang zum Sozialismus, sowie auch angesichts der Aneignung seiner Ideen durch radikal-demokratischen Strömungen in Frankreich, Italien und vor allem Portugal, Spanien und Griechenland, ist Nicos Poulantzas ein wichtiger Theoretiker des historischen Eurokommunismus und des gegenwärtigen demokratischen Sozialismus. Trotz seines frühen Todes sind die konzeptionellen wissenschaftlichen und politischen Beiträge von Nicos Poulantzas immer noch äußerst relevant, auch um generell ein breites Spektrum von Problematiken in der zeitgenössischen Sozialwissenschaft zu analysieren.

Für die spezielle materialistische Analyse der Konstituierung von Staatlichkeit im Kapitalismus und der Veränderung des Staates unter den Bedingungen der Globalisierung hat sich die Theorie von Nicos Poulantzas schon bisher als grundlegend und sehr fruchtbar erwiesen. Denn Nicos Poulantzas hat mit seiner an Gramsci anschließenden Erkenntnis, dass der Staat die materielle Verdichtung eines gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses ist, nicht nur einerseits eine fundamental andere Konzeption über die Staatlichkeit im Kapitalismus und die darauf wiederum begründete Strategie und Taktik der sozialistischen Bewegung entwickelt, als es die ProtagonistInnen des konventionellen „Marxismus-Leninismus“ gemacht haben. Nicos Poulantzas hat andererseits zugleich auch einen anderen konzeptionellen Pfad eingeschlagen als es die in den 1960er und 1970er Jahren die Diskussionen dominierenden kapitallogischen und demokratietheoretischen Vorstellungen gemacht haben. Der Staat im Kapitalismus ist für Nicos Poulantzas ein spezielles Gebiet der gesellschaftlichen Konfliktaustragung. Dieses besondere Terrain konstituiert sich dabei sowohl in als auch durch die Austragungen der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Die Austragungen der gesellschaftlichen Kämpfe selber verdichten sich für Nicos Poulantzas in der institutionellen staatlichen Materialität. Seiner Meinung nach ist der Staat als strategisches Feld der Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Klassen sowie Fraktionen der einzelnen Klassen zugleich sowohl ein Medium der Kämpfe als auch selber ein umkämpftes Medium. Nur mittels des Staates ist es nach der Konzeption von Nicos Poulantzas für die herrschenden Klassen möglich, sich als jeweiliger ´Block an der Macht` zu konstituieren. Dieses dient gleichzeitig der Desorganisierung der beherrschten Klassen und Schichten der Bevölkerung des jeweiligen Landes.

Mittels der Erkenntnisse und der darauf beruhenden theoretischen Konzeption sowie der Begrifflichkeiten von Nicos Poulantzas ist es möglich, in der materialistische Analyse von Staatlichkeit im Kapitalismus nicht nur die ´traditionellen `Klassenproblematiken wissenschaftlich zu berücksichtigen, zu untersuchen und darzustellen – es ist dadurch vielmehr bei der materialistischen Untersuchung von kapitalistischer Staatlichkeit zugleich auch generell möglich, über diese ´traditionelle` Klassenproblematiken hinausgehende Aspekte gesellschaftlicher Konflikte und Kämpfe in die Analysen mit einzubeziehen und anregend sowie ertragreich zu behandeln, wie zum Beispiel Genderproblematiken, Herausforderungen an die materialistische Staatstheorie angesichts eines sich transnationalisierenden Staates und zur vielschichtigen Konfiguration überstaatlicher, substaatlicher, parastaatlicher sowie staatlicher Apparate sowie privater Akteure, spezielle Fragen der europäischen Integration und der „Internationale Politische Ökonomie“ und Themen der Ethnien, der Migration sowie des Rassismus.

2. Grundriss der materialistischen Staatstheorie von Nicos Poulantzas

Die materialistische Staatstheorie von Nicos Poulantzas kann etwas vereinfacht wie folgt zusammengefasst werden:

2.1 Der Staat als eine materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen

Nicos Poulantzas hat die üblichen materialistischen Vorstellungen von (1) dem Staat als einer Sache oder einem Gegenstand, einem bloßen funktionalistischen Instrument oder Werkzeug in Hand der herrschenden Klasse, und (2) von dem Staat als einem eigenständigen, über den Klassen stehenden neutralem Subjekt, dessen sich eine Klasse durch einen für sie erfolgreichen Klassenkampf jeweils bedienen könne, kritisiert. Demgegenüber betrachtet Nicos Poulantzas den Staat als eine spezifische materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen zwischen Klassen und Klassenfraktionen. Sehr ähnlich wie Louis Althusser konstatiert auch Nicos Poulantzas ein Primat des Klassenkampfes gegenüber dem Staat im Kapitalismus, dieser Klassenkampf bildet in seiner Konzeption die spezifische Materialität des Staates sowie der Staatsapparate aus und wirkt durch sie.

2.2 Die relative Autonomie des Staates im Kapitalismus

Der Staat verfügt in der Konzeption von Nicos Poulantzas im Kapitalismus über eine „relative Autonomie“ gegenüber der ökonomischen Sphäre, wie auch die jeweiligen einzelnen Staatsapparate untereinander in relativer Autonomie zueinander stehen. Ähnlich wie Louis Althusser geht auch Nicos Poulantzas in seiner Theorie von verschiedenen Ebenen oder Instanzen in der Produktion des gesellschaftlichen Lebens der Menschen aus, der ökonomischen, politischen und ideologischen, welche zwar alle eine relative Autonomie besitzen aber zugleich und notwendiger Weise miteinander verbunden sind und zusammen ein überdeterminiertes Ganzes bilden.

2.3 Die Arbeitsteilung und die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus

Die bisherigen materialistischen Ansätze, den kapitalistischen Staat aus der kapitalistischen Produktionsweise heraus zu begreifen, sind nach Meinung von Nicos Poulantzas nicht weit genug gegangen, bzw. haben für ihn den zentralen Punkt verfehlt. Der kapitalistische Staat kann seiner Ansicht nach nämlich nicht ausschließlich aus den jeweils spezifischen Anforderungen der Zirkulationssphäre der Waren abgeleitet werden, wie es in der sogenannten „Staatsableitungsdebatte“ in den 1970er Jahren in der BRD geschehen sei, welche an die rechts- und staatstheoretischen Untersuchungen von Jewgeni Paschukanis (1891-1937) aus den 1920er Jahren in der UdSSR anschloss. Der Staat müsse, so Nicos Poulantzas, vielmehr über die Reproduktion der Produktionsbedingungen, insbesondere der Reproduktion der Qualifikation der Arbeitskräfte und der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, begriffen werden. Der Staat im Kapitalismus wird vom Standpunkt der Produktion der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und dem Produktionsverhältnis (Ausbeutungsverhältnis) zwischen den Klassen begriffen, daher sind letztlich gerade die jeweiligen Klassenverhältnisse und die sie wiederum konstituierenden Klassenkämpfe das zentrale, das ganz wesentliche Moment in der materialistischen Staatskonzeption von Nicos Poulantzas. Besonders die Trennung zwischen geistiger/anleitender und körperlicher/ausführender Arbeit und die Trennung der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel von den unmittelbaren Produzenten wie die Konkurrenz setzen sich in der spezifischen materiellen Verdichtung der kapitalistischen Staatsapparate, ihrer Funktionsweise und relativen Autonomie von der ökonomischen Sphäre fort.

2.4 Die Staatsapparate

Der Staat sichere durch seine Funktion bei der Reproduktion der Produktionsbedingungen erst die Aufrechterhaltung des Kapitalverhältnisses. Ähnlich wie bei Louis Althusser reproduziert der Staat mit den Reproduktionsbedingungen zugleich die Unterwerfung der Individuen unter die herrschende Ordnung. Dies aber nicht ausschließlich mit Hilfe der Repression und des Zwangs, sondern auch der Ideologie und der ökonomischen Intervention. Es wird zwischen repressiven, ökonomischen und ideologischen Staatsapparaten unterschieden. Die Macht sowie die jeweilige Funktion der einzelnen Staatsapparate können sich sowohl durch Veränderungen in der Produktion als auch durch die durch den Klassenkampf bestimmten Kräfteverhältnisse in den einzelnen Staatsapparaten verändern. Zum Beispiel bedingen tiefgehende strukturelle Umbrüche in der Kapitalakkumulation veränderte Ansprüche an die Staatsapparate um die Reproduktion der Produktionsbedingungen zu gewährleisten; bei erfolgreichen Klassenkämpfen, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den Wahlen von linken Regierungen, kann der jeweils herrschende Block die Staatsmacht vom Regierungsapparat hin zu anderen staatlichen Apparaten, wie z.B. der Bürokratie, der Justiz, dem Militär, den Medien, etc. verschieben, usw.

2.5 Der Block an der Macht

Für Nicos Poulantzas sind weder der Staat noch die Staatsmacht im Kapitalismus einheitlich durchstrukturiert. Im Staat herrscht entsprechend der materialistischen Theorie von Poulantzas kein einfacher, kein simpler Klassenkampf zwischen „den“ Kapitalisten und „der“ Arbeiterklasse, sondern es befinden sich vielmehr unterschiedliche Klassenfraktionen und Klassenbündnisse in Interessenauseinandersetzungen miteinander. Einerseits findet zwischen dem ´Block an der Macht` und den beherrschten Klassen im Staat Auseinandersetzungen um die Hegemonie statt, anderseits muss auch innerhalb des herrschenden Blocks zwischen den einzelnen Klassen und Klassenfraktionen eine Hegemonie hergestellt werden, damit die sich widersprechenden Interessen nicht zu einer Schwächung oder Auflösung des ´Blocks an der Macht` führen. In beiden Fällen wird nicht lediglich nur mit Zwang, sondern auch mit Überzeugung und Konsens gearbeitet. Einzelne Fraktionen im ´Block an der Macht` können in unterschiedlichen Apparaten unterschiedliche strategische Bündnisse mit Teilen der beherrschten Klasse sowie mit anderen Teilen des ´Blocks an der Macht` eingehen, um jeweils eine eigene Hegemonie für bestimmte und sie speziell sehr interessierende Projekte zu gewinnen.

2.6 Die Klassenkämpfe

Im Staat im Kapitalismus ist nach der Konzeption von Nicos Poulantzas nicht nur die herrschende bürgerliche Klasse mit ihrer herrschenden Ideologie vertreten, vielmehr sind in die materielle Verdichtung des Kräfteverhältnis Staat auch die Kämpfe der beherrschten Klassen eingeschrieben. Der ´Block an der Macht` kann seine spezifischen Ziele sowie Interessen nicht ausschließlich mit Machtmitteln erreichen und durchsetzen, er muss auch Teile der beherrschten Klasse in den herrschenden Konsens mit einbeziehen, um seine Hegemonie zu sichern und seine Ziele durchsetzen zu können. Interessen der beherrschten Klassen und Schichten, und dabei speziell Interessen der Arbeiterklasse, werden besonders dann in den Staat im Kapitalismus integriert, wenn diese Interessen wiederum ihrerseits zur generellen Sicherung der und Unterwerfung unter die herrschende Ordnung beitragen, daher die Interessen oder Forderungen aus der beherrschten Ideologie der ArbeiterInnenklasse selber erwachsen, bzw. mit dieser vereinbar sind. Nicos Poulantzas nennt beispielsweise die Ideologie des Wohlfahrtsstaats, die auf nationale wirtschaftliche Prosperität, daher Kapitalakkumulation setzt, wie auf sozialstaatliche Maßnahmen um ein vermeintliches ´Gemeinwohl des Volkes` zu sichern.

2.7 Vereinzelung und Totalisierung

Der Staat übt entsprechend der staatstheoretischen Konzeption von Nicos Poulantzas im Kapitalismus in seiner Funktion zugleich totalisierende als auch vereinzelnde Effekte auf die Staatsbürger aus, durch die der Klassenkampf der ArbeiterInnenklasse sowie anderer unterdrückter Klassen und Schichten gehemmt und der Klassencharakter der herrschenden Ordnung verschleiert wird. Einerseits forme der Staat die ganze Bevölkerung zu einem Volk mit einer Nation und einem (angeblich) gemeinsamen nationalen Interesse (bzw. versucht es), andererseits vereinzelt er die Individuen als gleiche, autonome, in bürgerlicher und politischer Gesellschaft atomisierte, in gegenseitiger Konkurrenz zueinander stehende freie Subjekte.

2.8 Die Eroberung der politischen Macht und der Demokratische Sozialismus

Nicos Poulantzas hat das Konzept einer radikalen Transformation des Staates im Kapitalismus vertreten, die auf das vermehrte Eingreifen der Volksmassen in den Staat zielt. Die Übernahme der Staatsmacht setze einen langen Prozess der Veränderung des gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses und die gleichzeitige Transformation des Staates voraus. Für ihn ist jeder Sozialismus demokratisch oder aber er ist kein Sozialismus. Aus der geschichtlichen Erfahrung heraus müssen die beiden Klippen Sozialdemokratie und Stalinismus umschifft werden um sowohl autoritäre und diktatorische als auch reformistische Ansätze zu vermeiden. Beiden politischen Typen seien ein Etatismus und eine Angst vor dem Agieren der Volksmassen gemeinsam. Dagegen müsse nach Meinung von Nicos Poulantzos die Selbstverwaltung und die Basisdemokratie betont werden. Die (solidarische) Kritik Rosa Luxemburgs an der politischen Konzeption von Lenin teilend hat Nicos Poulantzas neben der Schaffung und Erweiterung direkter und basisdemokratischer Strukturen auch die Bedeutung und Erweiterung der repräsentativen demokratischen Elemente und der politischen Freiheiten betont.

Nicos Poulantzas hat die bei Lenin und der „Dritten Internationalen“ vorgefundene Vorstellung einer Doppelherrschaft von organisierten Massen neben dem Staat, der eine gegnerische Festung mit Schutzgräben usw. bilde, die von Außen eingenommen werden müsse, generell und grundlegend kritisiert. Da der in den Staat im Kapitalismus ganz wesentlich eine Verdichtung von Kräfteverhältnissen sei, sind seiner Meinung nach die Klassenkämpfe vielmehr in diesen Staat selber eingeschrieben, wobei es seiner Theorie nach dann auch unwesentlich sei, ob diese Klassenkämpfe entweder unmittelbar in den Staatsapparaten oder aber außerhalb dieser Apparate stattfinden, bzw. sowohl in als auch zugleich außerhalb des Staates stattfinden. So richtig die Kritik von Nicos Poulantzas an der staatspolitischen Konzeption von Lenin und der Dritten Internationale zweifellos unter Berücksichtigung seines wesentlich durch die historischen Erfahrungen sowie durch die gesellschaftlichen Voraussetzungen im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts geprägten politischen Wissens generell ist, so scheint bei Nicos Poulantzas – anders als etwa bei Antonio Gramsci sowie vor allem bei Wolfgang Abendroth und der von ihm nach 1945 angesichts der in Folge der Resultate des Zweiten Weltkrieges grundlegend veränderten globalen Kräftegleichgewichte für die BRD entwickelten Konzeption eines ´potentiell systemtransformierenden Charakters der Rechtswissenschaften und des Rechtssystems` – der historische Aspekt und der Aspekt der wesentlichen Veränderungen des Staates im Kapitalismus zumindest sehr ungenügend berücksichtigt zu sein.

Die größte Gefahr für den demokratischen Sozialismus geht entsprechend der Theorie von Nicos Poulantzas von der Bourgeoisie und den (politischen, ideologischen, ökonomischen, Gewalt-) Mitteln, die ihnen besonders auch durch die Gewährleistung weitgehender politischer und freiheitlicher Rechte zur Verfügung stehen, aus. Die einzige Sicherung gegen diese Gefährdung besteht für Nicos Poulantzos in der aktiven Beteiligung eines möglichst großen Teils der ArbeiterInnenklasse sowie anderer Volksschichten an dem Transformationsprozess des Staates und in der Einführung direkter Demokratie und Selbstverwaltung. Des Weiteren bestehe eine große Schwierigkeit zwischen der Transformation des Staates und seiner repräsentativen Elemente und der gleichzeitigen Einführung direkter Demokratie und Selbstverwaltung.

Dem ökonomischen Staatsapparat hat Nicos Poulantzas eine besondere Bedeutung beigemessen. Dieser ökonomische Staatsapparat müsse einerseits radikal transformiert werden, andererseits könne er jedoch nicht sofort von dem einen auf den anderen Tag zerschlagen werden, ohne eine Wirtschaftskrise zu riskieren. Auch wären viele weitere Staatsapparate zur Reproduktion der Produktionsverhältnisse erforderlich. Der harte Kern der kapitalistischen Produktionsverhältnisse müsse nach Auffassung von Nicos Poulantzas in einer ersten Phase der Transformation beibehalten werden, die Transformation der Produktion müsse demnach schrittweise verlaufen. Nicos Poulantzos hat in seinen Schriften nicht zuletzt auch die wesentliche Bedeutung des ökonomischen Staatsapparats für die politische und ökonomische Sicherung einer selbstverwalteten Produktion betont.

3. Die Perspektiven des Werkes von Nicos Poulantzas

Manches immer noch vorhandene Defizit und manche Leerstelle im kritischen materialistischen Verständnis von Staatlichkeit im Kapitalismus und deren gegenwärtigen Veränderungen sowie eine darauf begründete realistische sowie angemessene und damit erfolgversprechende Politik der sozialistischen Bewegung könnte sicherlich durch eine weitere und noch genauere, kritische und intensivere Rezeption der Schriften von Nicos Poulantzas ausgeglichen werden. Dabei ist es natürlich gleichzeitig auch erforderlich, die in der Theorie von Nicos Poulantzas vorhandenen „Weißen Flecken“ zu klären. Auf jeden Fall hat Nicos Poulantzas schon die ganz wesentlichen der dafür notwendigen Instrumente und Begrifflichkeiten erarbeitet. Möglicherweise wäre in diesem Zusammenhang auch ein In-Beziehung-Setzen und Vergleichen zwischen der Theorie von Nicos Poulantzas und der von Wolfgang Abendroth wissenschaftlich sowie politisch anregend und ertragreich – zumindest bezogen auf die gesellschaftlichen Bedingungen und Voraussetzungen einer demokratisch-sozialistischen Politik der gesellschaftlichen sowie der parteipolitischen Linken in BRD. Denn obwohl es zwischen den politischen und wissenschaftlichen Konzeptionen von Nicos Poulantzas sowie denen von Wolfgang Abendroth zweifellos durchaus größere und spannende Differenzen gibt, so gibt es dennoch auch offensichtlich wichtige Übereinstimmungen. Diese Übereinstimmungen sind nicht zuletzt ganz wesentlich in der Traditionslinie Rosa-Luxemburg/Antonio Gramsci begründet, in der sowohl Nicos Poulantzas als auch Wolfgang Abendroth gestanden haben.

LITERATUR

Werke von Nicos Poulantzas:

· Poulantzas, Nicos: Political Power and Social Classes; London, New Left Books, 1973.

· Politische Macht und gesellschaftliche Klassen; Frankfurt am Main, Athenäum Fischer, 1974 (Erstausgabe 1968).

· Faschismus und Diktatur; München, Trikont Verlag, 1973 (Erstausgabe 1970).

· Zum marxistischen Klassenbegriff Berlin; Merve Verlag, 1973.

· Klassen im Kapitalismus heute. Hamburg; VSA, 1975 (Erstausgabe 1973).

· Kontroverse über den kapitalistischen Staat; Berlin, Merve Verlag, 1976. (enthält die Artikel der Auseinandersetzung mit Ralph Miliband)

· Die Krise der Diktaturen. Portugal, Griechenland, Spanien; Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1977 (Erstausgabe 1975).

· Poulantzas, Nicos: Staat, Power, Socialism; London, New Left Books, 1978.

· Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus; Hamburg, VSA, 2002 (Erstausgabe 1978).

Artikel (Auswahl):

Sammelband:

  • James Martin (Hg.): The Poulantzas Reader: Marxism, Law and the State; London, Verso, 2008.

Sekundärliteratur:

  • Stanley Aronowitz/Peter Bratsis (Hrsg.) (2002): Paradigm Lost: State Theory Reconsidered. Minneapolis; University of Minnesota Press.
  • Alex Demirović/Stephan Adolphs/Serhat Karakayali (Hrsg.) (2010): Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas. Der Staat als gesellschaftliches Verhältnis. Reihe Staatsverständnisse; Baden-Baden, Nomos-Verlag.
  • Alex Demirović (2007): Nicos Poulantzas. Aktualität und Probleme materialistischer Staatstheorie (2. überarbeitete und erweiterte Neuauflage) (Erstausgabe Hamburg 1987); Münster, Westfälisches Dampfboot.
  • Lars Bretthauer/Alexander Gallas/John Kannankulam/Ingo Stützle (Hrsg.) (2006): Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie; Hamburg, VSA.
  • Bob Jessop (1985): Nicos Poulantzas. Marxist Theory and Political Strategy; London, Palgrave Macmillan.
  • John Kannankulam (2008): Autoritärer Etatismus im Neoliberalismus. Zur Staatstheorie von Nicos Poulantzas; Hamburg, VSA.
  • Jens Christian Müller/Sebastian Reinfeldt/Richard Schwarz/Manon Tuckfeld (1994): Der Staat in den Köpfen. Anschlüssen an Louis Althusser und Nicos Poulantzas; Mainz, Decaton-Verlag.
  • Jens Wissel (2007): Die Transnationalisierung von Herrschaftsverhältnissen. Zur Aktualität von Nicos Poulantzas Staatstheorie; Baden-Baden, Nomos-Verlag.

Artikel:

Weblinks:

http://de.wikipedia.org/wiki/Poulantzas

http://en.wikipedia.org/wiki/Nicos_Poulantzas